Freitag, 15. Dezember 2017

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Short Seller nehmen Deutschland ins Visier Angriff auf deutsche Firmen - was US-Hedgefonds antreibt

Hedgefonds: Die Raubritter des Kapitalismus
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REUTERS

Erst der Angriff auf Wirecard, dann auf Ströer - mit den Shortsellern halten die groben Sitten Einzug in Deutschland. Was treibt die Raubritter des Kapitalismus?

Carson Blocks Feldzug gegen den rheinischen Kapitalismus begann in den letzten Tagen des Jahres 2015. Ein Bekannter wies ihn auf "dieses Unternehmen" hin, bei dem bereits "einige der Smart Money Guys short" seien, erinnert sich der 39-jährige Hedgefondsmanager aus Los Angeles. Der Anlass: angebliche Insiderdeals der Führungskräfte und Haupteigner.

Mehr als vier Monate später, genauer gesagt am Donnerstag, dem 21. April 2016, gegen halb zwei Uhr mittags, klingelt bei Udo Müller (53) in Köln das Bürotelefon. Der Anrufer rät dem CEO des Außenwerbers Ströer Börsen-Chart zeigen, Bloomberg TV einzuschalten. Auf dem Flachbildschirm erscheint das jungenhafte Gesicht eines Amerikaners in Anzug und Krawatte, den Müller vorher noch nie gesehen hat. Dem Infobalken zufolge heißt der Mann Carson Block und hat den Finanzinvestor Muddy Waters Research gegründet.

"Wir haben uns ein Unternehmen namens Ströer angesehen", sagt er und erhebt in ruhigem Ton schwerste Vorwürfe: von Geschäften mit den Großaktionären Müller und Dirk Ströer (46) ist die Rede sowie von geschönten Zahlen. Dann wird der aktuelle Aktienchart eingeblendet. "Es ist wirklich erstaunlich, wie Sie den Kurs binnen einer halben Stunde um mehr als 20 Prozent runtertreiben können", sagt der Moderator zu Block. Von dem Augenblick an weiß Udo Müller, dass er das rosige, weiche Gesicht auf seinem Bürofernseher nie mehr vergessen wird.

"Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir in Deutschland nochmals aktiv werden"

Bis Börsenschluss sind 29 Prozent des Ströer-Marktwerts vernichtet. Noch am selben Tag hat Block den Großteil seiner Short-Position wieder verkauft und seinen Einsatz dank Kredithebel schätzungsweise mehr als verdoppelt. Doch auch in den Tagen und Wochen danach schießt Block öffentlich Salven gegen Ströer ab. Andere, viel größere Hedgefonds bauen ihre Wetten bis Mitte Mai sogar noch aus. Müller stellt sich auf weitere Angriffswellen ein.

Nicht nur in Köln sollten die Manager gewarnt sein. "Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass wir in Deutschland nochmals aktiv werden", warnt Block.

Waren es zuletzt vor allem aktivistische Investoren wie Cevian, Southeastern oder TCI, die das Management deutscher Aktiengesellschaften aufgemischt haben, so halten mit Shortsellern wie Muddy Waters und dem Analysehaus Zatarra, das unlängst den Aschheimer IT-Konzern Wirecard Börsen-Chart zeigen angegriffen hat, nun erstmals auch die groben Sitten Einzug. Die Gilde verdient daran, auf fallende Aktienkurse zu wetten, indem sie sich die jeweiligen Papiere leiht, "leer verkauft" und dann nach dem bewusst ausgelösten Kurssturz billig erwirbt.

Die Spekulanten warten in der Regel nicht ab, ob ihre Prognose eintrifft, sondern machen ordentlich Lärm, um andere Investoren anzustacheln, es ihnen gleichzutun. So wie schon bei Wirecard. Im Februar veröffentlichte das zuvor völlig unbekannte Zatarra Research eine Verkaufsempfehlung für das Tec-Dax-Unternehmen, Kursziel: null Euro. Wirkung: zwischenzeitlich mehr als 20 Prozent Kursverlust wie bei Ströer.

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