Mittwoch, 28. September 2016

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Altersvorsorge in Gefahr Warum Anleger vor ihrem Berater auf der Hut sein sollten

Missstand in Zahlen: Was die VZBV-Studie im Detail ergab
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[M] Corbis

Der Finanzberater als windiger Verkäufer, der vor allem den eigenen Profit im Sinn hat und nicht das Wohl seines Kunden - dieses Vorurteil hält sich seit langem. Und beinahe genauso lange schon versucht die Zunft gegen ihr schlechtes Image anzukämpfen.

Das Problem ist nur: In dem Klischee steckt offenbar viel Wahres. Das zeigt nun einmal mehr eine umfangreiche Studie, die die Verbraucherzentralen am heutigen Donnerstag vorgelegt haben.

Mehr als 4000 Anlageprodukte und -offerten, die den Verbraucherschützern von vielen Hundert Ratsuchenden vorgelegt worden waren, haben die Fachleute für ihre Analyse ausgewertet. Das Ergebnis ist ernüchternd - und für die Finanzindustrie ziemlich unangenehm.

Nicht weniger als 95 Prozent der Fonds, Versicherungen und anderen Investmentprodukte, die Mitarbeiter von Banken, Sparkassen und anderen Vertrieben Sparern in letzter Zeit zum Kauf empfohlen hatten, erwiesen sich laut Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) bei genauerem Hinsehen als nicht bedarfsgerecht. Sprich: Sie waren zu teuer, zu unflexibel, zu unrentabel, zu riskant - oder gleich mehreres davon.

Auch der Blick in die bereits bestehenden Anlegerdepots fiel nicht viel erfreulicher aus. Von etwa 3500 Finanzprodukten, die sich bereits im Besitz der Kunden befanden, passten lediglich etwas mehr als die Hälfte auch zum Bedarf dieser Kunden, so der VZBV. Unter Berücksichtigung von Häufungen verschiedener Produkte bei einzelnen Personen ergibt sich sogar ein noch dramatischeres Bild: In 77 Prozent der Fälle besaßen Verbraucher mindestens ein Anlageprodukt, das nicht zu ihrem Bedarf passte, schreiben die Verbraucherschützer.

Kosten, Laufzeit, Risiko - die gefährlichsten Fallen der Finanzberatung:

Bankensilhouette Frankfurt: Die Finanzbranche zeigt sich gern im Hochglanz - doch an der Anlageberatung hapert es häufig.

Eine Studie der Verbraucherzentralen ergab: 45 Prozent der Anlageprodukte, die die ratsuchenden Sparer besaßen, passten nicht zu deren Bedarf.

Schlechter Rat ist teuer: Ebenso waren 95 Prozent der neu unterbreiteten Investmentofferten laut Studie suboptimal.

Minizinsen: Ein Problem ist häufig die erzielte Rendite, die nicht zu den Vorstellungen des Kunden passt.

Mangelnde Flexibilität: Oft haben die Produkte feste Laufzeiten, die ihre Besitzer zu sehr einschränken.

Hohe Kosten: Einer Binsenweisheit im Anlagegeschäft zufolge hängt ein Großteil des Erfolges von den Kosten ab, die ein Investment mit sich bringt. Finanzberater empfehlen dennoch häufig zu teure Produkte.

Verlustrisiko: Insbesondere deutschen Sparern geht die Sicherheit ihres Hab und Guts über alles - dennoch bekommen sie häufig die Empfehlung, riskante Investments etwa im Bereich der unternehmerischen Beteiligungen zu tätigen.


Die Gründe für den Missstand sind in Deutschland seit langem bekannt und werden auch vom VZBV nochmals benannt: Der Finanzvertrieb läuft hierzulande zum weitaus größten Teil provisionsgetrieben. Wie die Studienergebnisse vermuten lassen, orientieren sich Finanzberater bei ihrer Arbeit daher offensichtlich allzu häufig vor allem an der Vergütung, die ihnen ein Finanzprodukt beschert. Ob dieses Anlageprodukt auch zum Bedarf des Kunden passt, zu seinem Anlagehorizont also beispielsweise oder zu seiner Risikoneigung, ist dann bestenfalls zweitrangig.

Hinzu kommt, dass viele Finanzvertriebe keineswegs unabhängig von einzelnen Anbietern agieren, seien dies Fondsgesellschaften, Banken oder Versicherer. Sie sind vielmehr häufig an einen Konzern gebunden - und verkaufen deshalb mit Vorliebe auch dessen Offerten.

So verdient eine ganze Industrie Jahr für Jahr Millionen- und Milliardenbeträge auf Kosten der Sparer. Letzteren fehlt das Geld im schlimmsten Fall im Ruhestand für ihren Lebensunterhalt. "Schlechte Finanzempfehlungen können sich Verbraucher mit Blick auf ihre Altersvorsorge nicht leisten", sagt Dorothea Mohn, Teamleiterin Finanzmarkt beim VZBV.

Um die Lage zu verbessern hält die Expertin vor allem drei Maßnahmen für erforderlich.

  • Verkauf und Beratung müssen beim Thema Geldanlage strikt voneinander getrennt werden. Eine Lösung wäre beispielsweise die Honorarberatung, bei der der Anlageberater etwa auf Stundenbasis entlohnt wird. So hätten Sparer nicht weiter unter der Provisions-maximierung der Verkäufer zu leiden haben.
  • Der Gesetzgeber soll klar vorgeben, wie eine ordentliche Finanzberatung auszusehen hat. Dabei sollte Berlin festlegen, wie Berater auf Aspekte wie die Risikobereitschaft und -tragfähigkeit des Kunden oder die gewünschte Flexibilität eingehen, so der VZBV.
  • Nach Ansicht der Verbraucherschützer müssen alle Finanzprodukte und Dienstleistungen einheitlich reguliert und beaufsichtigt werden. Damit könnte dem Treiben auf dem grauen Kapitalmarkt endlich ein Ende gesetzt werden, wo halbseidene Anbieter noch immer auf Bauernfang gehen können.

Tatsächlich hat sich die Bundesregierung in den vergangenen Jahren bereits mit verschiedenen Initiativen der Umtriebe in der sogenannten Finanzdienstleistungsbranche angenommen. Beispiele sind das Kapitalanlagegesetzbuch aus dem Jahr 2013 und das Kleinanlegerschutzgesetz, das im Sommer dieses Jahres in Kraft getreten ist.

Aufgeschreckt wurde Berlin dabei unter anderem von öffentlichkeitswirksamen Anlageskandalen wie jenem um die Frankfurter Immobiliengruppe S&K, deren Verantwortlichen gegenwärtig vor dem Landgericht Frankfurt der Prozess gemacht wird. Auch von Seiten der EU aus Brüssel kam Druck zur Verbesserung des Anlegerschutzes.

Nach Ansicht der Verbraucherschützer reicht das aber noch nicht aus. Auch bei der aktuellen Umsetzung der EU-Richtlinie "MifID 2" sieht der VZBV Verbesserungsbedarf. Das Gesetz sehe zwar eine Regelung zu einer Beratung vor, die unabhängig von Verkaufsinteressen erfolge, heißt es in einem VZBV-Papier. Der Verkauf konzerneigener Produkte solle aber weiterhin erlaubt bleiben.

So könne das anvisierte Ziel von Seiten der Finanzbranche leicht umgangen, warnen die Verbraucherschützer: Zwar falle der Anreiz durch Provisionen für die Finanzberater womöglich weg. Die Branche könnte ihre Vertriebler aber beispielsweise durch "einkalkulierte Gewinnmargen" auf andere Weise erneut ködern. Der Leidtragende wäre einmal mehr der Kunde.

Video - die 5 häufigsten Fehler bei der Geldanlage:

Foto: Bloomberg / Wochit

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