Montag, 22. Oktober 2018

Familienunternehmen im Clinch Warum eine Familienverfassung für Firmen wichtig ist

Zoff bei Aldi: Babette Albrecht, Witwe von Aldi-Gründer Berthold Albrecht, liegt mit Gründersohn Theo Albrecht im Clinch

Oetker, Aldi, Tönnies, Gerry Weber: Viele große wie kleine Unternehmen in Deutschland sind im vergangenen Jahr in Schwierigkeiten geraten, weil sich Mitglieder der Gründerfamilien nicht einig über die Strategie waren oder erbittert über die künftige Führung stritten. Den Familienfrieden wiederherzustellen, daran hängt häufig nicht weniger als das Überleben vieler Unternehmen in Deutschland - im Streit lässt sich langfristig keine Firma erfolgreich führen.

Eine "Familienverfassung" mit verbindlichen Grundregeln ist hilfreich, um den Familienfrieden in Unternehmen zu sichern. Gründerfamilien, die eine solche Familiencharta installieren, sind oft wirtschaftlich erfolgreicher und fühlen sich dem Unternehmen stärker verbunden: Das sei nicht auf höhere Renditen zurückzuführen, sondern darauf, dass sich die Gesellschafter besser in das Unternehmen eingebunden fühlen. Das sind die Kernergebnisse der Studie "Auf ewig verbunden - (Regulierte) Emotionen im Familienunternehmen" von KPMG in Zusammenarbeit mit dem Friedrichshafener Institut für Familienunternehmen (FIF) der Zeppelin Universität.

Für die Untersuchung wurden 85 Familienunternehmen befragt und zusätzlich 14 individuelle Interviews mit Familienunternehmern geführt. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, den "emotionalen Faktor" in Familienunternehmen zu erforschen.

Große Klammer zwischen Familie und Betrieb

"Eine Familienverfassung ist so etwas wie die Klammer, die Familie und Betrieb zusammenhält", sagt Alexander Koeberle-Schmidt, Spezialist für Familienunternehmen bei KPMG. "Ihr großer Vorteil liegt darin, dass sie für Klarheit und Transparenz sorgt. So können Regelungen gefunden werden, die bei Unstimmigkeiten gelten, und das Unternehmen wird insgesamt krisenfester." Dadurch, dass die Gesellschafter diese Regeln gemeinsam erarbeiten, führe sie außerdem zu einer Stärkung des Familienzusammenhalts.

Außerdem zeigt die Studie, dass sich eine Familienverfassung auch auf den ökonomischen Erfolg auswirken kann: Bei der Hälfte aller Unternehmerfamilien mit mindestens drei Gesellschaftern und einer Verfassung lag die jährliche Rendite über fünf Prozent. Bei jenen ohne Familiencharta hatten die meisten, nämlich 48 Prozent, eine Rendite unter fünf Prozent. Grund dafür ist laut Koeberle-Schmid, dass die Verfassung auch viele Bereiche der Führungsstrukturen im Unternehmen regelt - wie zum Beispiel Beirat, Geschäftsführung, Ausschüttung oder Ausscheiden als Gesellschafter.

Drei Schritte zur Familienverfassung

Bei der Etablierung einer solchen Verfassung sollten Unternehmen laut der Studie in drei Schritten vorgehen: Zunächst müsse der Bedarf ermittelt werden: Im Durchschnitt hat nur gut ein Drittel der befragten Unternehmerfamilien eine Familienverfassung. "Dabei gilt: Je größer der Gesellschafterkreis, desto häufiger - und wichtiger. Denn darin sind in der Regel die Eckpunkte der Geschäftsführung festgelegt", sagt Koeberle-Schmidt.

Eine Leitkultur entwickeln - und der Ermüdungsfalle entgehen

In einem zweiten Schritt müsse dann die Verfassung gemeinsam erarbeitet werden. Das könne durchaus sechs bis zwölf Monate dauern - schließlich müsse eine wirtschaftliche und familiäre Leitkultur definiert werden, die moralisch bindend ist und teilweise in Verträgen mündet. Neben Visionen und Missionen sind Strukturen festzulegen, Nachfolgeregelungen zu treffen, Strategie- und Geschäftsmodelle, Rollen und Pläne zu entwickeln.

Alexander Koeberle-Schmid
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    KPMG
    Alexander Koeberle-Schmid ist Spezialist für Familienunternehmen und Wirtschaftsmediator bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Er berät Unternehmer und Gesellschafter zu Strategie und Führung.

In einem dritten Schritt müsse die Verfassung "gelebt" werden. Dabei dürfen die Familien der "Ermüdungsfalle" nicht erliegen, denn für Zusammenhalt und Verbundenheit ist konstant etwas zu tun. Außerdem sollte die Familiencharta regelmäßig überprüft und angepasst werden. Schließlich können sich (Gesellschafter-)Strukturen und wirtschaftliche Voraussetzungen ändern.

Die Studie zeigt außerdem: Knapp zwei Drittel (65,5 Prozent) der Befragten halten Familientage oder -wochenenden für sinnvoll. Zudem gilt: Je größer der Gesellschafterkreis, desto häufiger greifen Unternehmerfamilien auf einen Familienrat, gezielte Regeln für den Umgang mit Konflikten und spezielle Kommunikationsmedien zurück.

Gesellschaftern geht es nur selten ums Geld

Da zu Unternehmerfamilien oft auch Gesellschafter gehören, die nicht unmittelbar in der Firma mitarbeiten, stehen sie vor der Herausforderung, jedem Familienmitglied gerecht zu werden. Deswegen wurde in der Studie auch der Frage nachgegangen, was die einzelnen Gesellschafter zufriedener beziehungsweise glücklicher macht.

An erster Stelle stand dabei der Wunsch, aktiv im Unternehmen mitarbeiten zu können - manchmal genügt schon ein einfaches Beiratsmandat oder die Funktion als Familienmanager. Auf Platz zwei landete der Wunsch, bei wichtigen Unternehmensentscheidungen einbezogen zu werden. Der finanzielle Aspekt, also die Entnahme von Vermögen oder Ausschüttungen, wurde dagegen erst an fünfter Stelle genannt.

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