Mittwoch, 24. Mai 2017

Geldflut der EZB Warum Draghis Wachstum eigentlich eine Illusion ist

Ging damals glimpflich aus: Eine Aktivistin wurde auf einer Pressekonferenz der EZB im April 2015 anzüglich.

Mario Draghi erinnert an einen Reiter, der mit einem altersschwachen und schwer beladenen Pferd Hindernisse zu überspringen versucht. Mit immer mehr Doping soll das Pferd zu früherer Form kommen. Am Ende dürfte es ihm nicht gut bekommen - und seinem Reiter auch nicht.

Daniel Stelter

Mal ehrlich: Wen konnte die Entscheidung der EZB, das Anleihe-Kaufprogramm bis Ende 2017 zu verlängern und die Bedingungen für die Käufe zu lockern, noch überraschen? Angesichts des italienischen Referendums, der ungelösten Bankenkrise und der nach wie vor als schwach empfundenen Entwicklung der Realwirtschaft in der Eurozone konnte die EZB gar nicht anders. Hinzu kommt die zunehmende Angst vor den Finanzmärkten.

Da die bisherigen Maßnahmen vor allem letztere aufgeblasen haben, möchte die EZB nicht diejenige Notenbank sein, die diese Blase zum Platzen bringt. Diese Rolle überlässt man diesmal lieber der US-Notenbank. Die EZB gibt den Finanzmärkten weiterhin den Treibstoff, den sie brauchen, um die Illusion der gelungenen Euro-Rettung aufrecht zu erhalten.

Das Ziel der Belebung der Realwirtschaft ist nur vorgeschoben, da auch die EZB-Führung das Einmaleins der Ökonomie kennt. Wirtschaftliches Wachstum hängt knapp gesagt von zwei Faktoren ab: der Anzahl der Erwerbstätigen und deren Produktivität. In der EU wuchs die Erwerbsbevölkerung 2005 noch um rund 0,3 Prozent pro Jahr, heute schrumpft sie um 0,6 Prozent pro Jahr. Alleine diese Veränderung bedeutet - alle anderen Einflussfaktoren unverändert - eine Verringerung des jährlichen Wirtschaftswachstums um einen Prozentpunkt.

Notenbanken bekommen keine Kinder

Erschwerend kommt hinzu, dass die Produktivitätszuwächse gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Erwerbstätigen rückläufig sind. Hierfür gibt es strukturelle Gründe: den Rückgang der globalen Arbeitsteilung, die Investitionsschwäche, den steigenden Anteil des (weniger produktiven) Dienstleistungssektors und schließlich (politisch gewollte) Wettbewerbshemmnisse. Da muss man schon eine deutliche Trendumkehr annehmen, um zu deutlichen Wachstumsraten für die Wirtschaft zu gelangen. Und selbst wenn wir mit zwei Prozent Produktivitätswachstum rechnen (von dem wir weit entfernt sind!), würde die Wirtschaft in der EU in den kommenden Jahren real nur um 1,4 Prozent pro Jahr wachsen (minus 0,6 plus 2 ergibt 1,4). Für das Jahr 2016 wird übrigens ein Wachstum von 1,8 Prozent erwartet. Viel mehr ist da nicht drin!

Wer mit Blick auf die immer noch hohe Arbeitslosigkeit ein ungenutztes Potential für mehr Wachstum sieht, den muss ich enttäuschen. Die lang anhaltende Arbeitslosigkeit führt zu einer nachhaltigen Schwächung der Produktivität. Ökonomen sprechen von Hysterese. Auch die Zuwanderung hilft uns hier nicht, sind doch Erwerbsbeteiligung und Produktivität der Zuwanderer auf lange Sicht gering.

Mario Draghi versucht also zwanghaft ein Pferd, welches am Limit mit seinen Kräften ist, zu noch höherer Leistung anzuspornen. Das mag temporär gehen. Dauerhaft ist es illusorisch, das Wachstum nachhaltig nach oben zu bekommen. Siehe auch Japan seit 1990. Auch dort schrumpft die Erwerbsbevölkerung seit Jahren und obwohl die Produktivitätsfortschritte deutlich höher als bei uns und den USA sind, stagniert die Wirtschaft. Einfache Mathematik.

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