Mittwoch, 20. März 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Steigende Zinsen? Nicht in Sicht!

EZB-Chef Mario Draghi denkt nicht an eine Zinserhöhung, sehr zur Enttäuschung insbesondere der deutschen Sparer

Von Seiten der Europäischen Zentralbank (EZB) heißt es, die erste Leitzinsanhebung seit 2011 werde frühestens nach dem Sommer 2019 stattfinden. Wer dies mit der Hoffnung auf zeitnah steigende Zinsen in der Eurozone verbindet, dürfte jedoch enttäuscht werden.

Carsten Mumm
  • Copyright: Donner & Reuschel
    Donner & Reuschel
    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Keine Leitzinsanhebung der EZB in 2019

Vor dem Hintergrund der zuletzt deutlich nachlassenden Konjunkturdynamik und des fehlenden Inflationsdrucks ist zumindest für das laufende Jahr keine einzige Anpassung der Leitzinsen zu erwarten. Einige Frühindikatoren zeigen aktuell sogar zunehmende Rezessionsgefahr in Deutschland, Europa und gegebenenfalls in den USA an.

Die Beendigung des Wertpapierkaufprogramms der EZB Ende 2018 bringt ebenfalls noch keine geldpolitische Kehrtwende mit sich. So werden zwar netto keine neuen Anleihen erworben, die EZB legt zurückgezahltes Kapital aus fälligen Anleihen aber bis auf weiteres neu an. Die seit 2015 auf über 4,5 Billionen Euro angewachsene Bilanz der Notenbank wird erst mit deutlichem Nachlauf im Anschluss an die erste Zinserhöhung abgebaut, so das klare Statement der Notenbank. Damit tritt die EZB auch in 2019 mit durchschnittlich 20 Milliarden Euro pro Monat als Käufer am Markt für Staats- und Unternehmensanleihen auf.

Zudem wird die Zentralbank - wenn auch ungewollt - nach wie vor die Situation der Euroland-Peripherie im Blick behalten und auch deswegen äußerste Vorsicht walten lassen. Auf jeden Fall wird man vermeiden wollen, Zinsanhebungen nach kurzer Zeit wieder korrigieren zu müssen, wie es in der jüngeren Vergangenheit zweimal erfolgt ist - Mitte 2008 nach der Lehman-Pleite und in 2011 aufgrund der letzten Rezession in der Eurozone.

Aktuell wird vielmehr die Verlängerung beziehungsweise Neuauflage der zuletzt im Juni 2016 vergebenen und an die Kreditvergabe an Private und Unternehmen außerhalb des Finanzsektors gekoppelten langfristigen Refinanzierungsmöglichkeiten für europäische Banken (TLTRO) diskutiert. Zwar laufen diese erst Mitte 2020 beziehungsweise 2021 aus, aufgrund der beginnenden Unterschreitung von einem Jahr Laufzeit in diesem Sommer, gelten sie für Banken allerdings nicht mehr als langfristige Refinanzierung und können daher nur begrenzt die Kreditvergabe ankurbeln. Genutzt wurden diese Refinanzierungen vor allem von italienischen, spanischen und französischen Instituten. Angesichts der nach wie vor bestehenden Probleme des europäischen Bankensektors aufgrund der Ertragsschwäche und teils hoher Bestände an ausfallgefährdeten Krediten sowie steigender Risiken im Zuge des wirtschaftlichen Abschwungs ist mit einer - eventuell leicht adjustierten - Neuauflage der langfristigen Notenbankdarlehen im ersten Halbjahr 2019 zu rechnen.

Die überbordende Ausstattung der europäischen Volkswirtschaften mit Liquidität bleibt somit vorerst bestehen. Die EZB hat derzeit keinerlei Veranlassung, die Leitzinsen anzuheben. Am kurzen Ende der Laufzeitenspanne, also bei Tages- und Termingeldern sowie Bundesanleihen mit Laufzeiten bis zu etwa 5 Jahren dürfte sich das derzeitige strukturelle Null- beziehungsweise Negativzinsniveau damit nicht zeitnah verändern.

Inflation niedrig - kaum steigende Zinsen bei längeren Laufzeiten

Unabhängig von der EZB-Zinspolitik sind auch bei längeren Laufzeiten und einwandfreien Bonitäten nur geringfügige Zinssteigerungen realistisch. Hauptgrund ist auch hier die derzeit schwache Konjunkturdynamik und der dadurch weiter nachgebende Inflationsdruck. Ein geringeres Wachstum bedeutet eine geringere Kreditnachfrage und wirkt sich so negativ auf den Zins aus. Sinkende Inflationsraten drücken zusätzlich auf das nominale Zinsniveau, da der reale Zins - also abzüglich der Inflation und die eigentliche Richtgröße für Anleger mit dem Ziel des Kaufkrafterhalts - steigt.

Zum Erstaunen vieler Experten befanden sich die Teuerungsraten sowohl in den USA als auch in Deutschland schon in den letzten Jahren auf moderaten Niveaus. Theoretisch und in der Vergangenheit auch nachweisbar führten Phasen sehr expansiver Geldpolitik mit einer Flutung der Wirtschaft durch Liquidität sowie ein ausgelasteter Arbeitsmarkt zu stärkeren Lohnsteigerungen und in der Folge zu einer anziehenden Inflation. Trotz sogar ultra-expansiver Geldpolitik und Rekordbeschäftigungsständen in den letzten Jahren ist dieser Effekt jedoch kaum aufgetreten. Die Gründe dafür sind vielfältig und dämpfen auch künftig die Lohnentwicklung. So üben sowohl Globalisierung als auch Digitalisierung bzw. Automatisierung und Robotik Druck auf die Lohnniveaus aus. Den gleichen Effekt hat der Schwenk zu mehr Dienstleistungsjobs, die im Vergleich zu Arbeitsplätzen in der Industrie oftmals geringer entlohnt werden. Eine weitere Rolle dürfte der nachlassende gewerkschaftliche Organisationsgrad spielen.

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Montag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

In Deutschland stiegen die nominalen Löhne in 2018 mit 3,0 Prozent zwar so stark wie seit 2011 nicht mehr, die Inflation belief sich dennoch auf gerade einmal 1,8 Prozent. Einen entscheidenderen Einfluss auf die Preissteigerungsraten hatten zuletzt die stark schwankenden Energiepreise. Aufgrund des Preissturzes der Rohölnotierungen um über 40 Prozent im vierten Quartal 2018 drückten die Energiepreise die gesamte Inflation in Deutschland im Januar sogar weiter auf 1,4 Prozent und im Februar auf 1,6 Prozent. Betrachtet man nur die Kernrate der Inflation exkl. Preissteigerungen für Energie und Nahrungsmittel zeigt sich seit Jahren eine nahezu flache Linie bei etwa 1 Prozent.

Nachfrage nach sicheren Häfen drückt Renditen

In Zeiten erhöhter politischer und / oder wirtschaftlicher Unsicherheiten fragen Anleger sogenannte sichere Häfen im Sinne der Kapitalanlage nach. Dazu gehören Gold, der US-Dollar und Bundesanleihen, deren Kurse allesamt seit Mitte 2018 deutlich angezogen sind. Dadurch sind die Renditen bis heute weiter gesunken, bis zu Laufzeiten von 9 Jahren sogar in den negativen Bereich. Eine zehnjährige deutsche Staatsanleihe rentiert derzeit mit gerade einmal 0,17 Prozent pro Jahr.

US-Zinsen ziehen Eurozinsen nicht nach oben

Die Annahme, dass die Euro-Zinsen den US-Zinsen früher oder später nach oben folgen würden, stellt sich ebenfalls gerade als Fehlschluss heraus. Zwar läuft die außergewöhnlich große Zinsdifferenz demnächst wieder zusammen. Der Grund sind allerdings fallende Zinsen in den USA aufgrund der ebenfalls schwächeren Konjunktur.

Negative Realzinsen bleiben uns erhalten

Euro-Anleger können damit kaum auf zeitnah höhere Zinsniveaus hoffen. Sollten sich einige Unsicherheitsfaktoren in den kommenden Monaten auflösen, könnten die Renditen bei Bundesanleihen zwar leicht anziehen, dürften jedoch kaum über die Höchststände aus 2018 bei circa 0,70 Prozent für zehnjährige Laufzeiten hinausgehen. Auf Konten oder in bonitätsstarken Anleihen angelegtes Kapital verliert damit nach Inflation weiterhin sukzessive an Kaufkraft. Wer mehr als den Notgroschen anlegen möchte, sollte sich somit nach Alternativen umschauen. Diese sind zweifellos auch nicht ohne Risiko zu haben, bieten allerdings zumindest die Chance auf eine positive Realrendite.

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung