Samstag, 16. Dezember 2017

Sorge nach Stresstest Europäische Versicherungsaufsicht schlägt Alarm

Branchenriese Allianz in München: Laut Europas Versicherungsaufsicht haben vor allem kleinere Versicherer Probleme mit dem Niedrigzins

Die europäische Branchenaufsicht hat 225 Versicherer einem Stresstest unterzogen. Ergebnis: Die Assekuranz leidet stark unter dem Niedrigzins - und mit ihr die Kunden. Für viele Unternehmen besteht akuter Handlungsbedarf.

Hamburg - Die anhaltenden Niedrigzinsen drohen einige Versicherer in Europa mittelfristig in Schieflage zu bringen. "In acht bis elf Jahren könnten einige Versicherer Probleme haben, ihre Verpflichtungen gegenüber den Versicherungsnehmern zu erfüllen", warnte der Chef der europäischen Versicherungsaufsicht Eiopa, Gabriel Bernardino, nach dem jüngsten Stresstest für die Branche am Montag in Frankfurt.

Vor allem Versicherern in Deutschland, Österreich, Malta und Schweden machten die Niedrigzinsen zu schaffen. Sie haben ihren Kunden in früheren Jahren hohe Garantiezinsen zugesagt, die sie kaum noch am Markt erwirtschaften können.

Bereits am Sonntagabend hatte die Eiopa die Ergebnisse des Stresstests veröffentlicht. Vor allem bei kleineren Unternehmen tauchten dabei Lücken bei den Eigenmitteln auf, die sie bis zum Inkrafttreten der neuen Aufsichts- und Kapitalregeln "Solvency II" Anfang 2016 ausgleichen müssen. "Wir werden eine ganze Reihe von Maßnahmen sehen, von Kapitalerhöhungen bis hin zu Verschiebungen in der Bilanz", sagte Bernardino.

Bei dem Szenario lang anhaltender niedriger Zinsen könnte rund jedes vierte der 225 untersuchten Unternehmen die Kapitalanforderungen nach "Solvency II" verfehlen. Ergebnisse zu einzelnen Versicherern nennt die Eiopa nicht. Untersucht wurden in der EU und Norwegen Unternehmen mit einem Marktanteil von zusammengerechnet 60 Prozent.

Extremes Stress-Szenario

Neben dem Niedrigzins-Szenario setzte die Eiopa 167 Versicherungskonzerne und Versicherungsunternehmen einem extremen Stress-Szenario aus. Dieses ging mit fallenden Aktien- und Anleihekursen sowie weiteren Schocks wie hohen Schäden durch Naturkatastrophen und einer Kündigungswelle durch die Lebensversicherungskunden einher. In diesem Fall erfüllten nur noch 56 Prozent der untersuchten Unternehmen die Anforderungen.

Schon ohne solche heftigen Einschläge verfehlten 24 Versicherer in der EU, der Schweiz, Norwegen und Island die Anforderungen für "Solvency II" - ein Anteil von 14 Prozent. Allerdings handle es sich dabei um kleinere Unternehmen, sagte Bernardino. Die großen Versicherungskonzerne hätten an dieser Stelle eher geringere Probleme.

Das Regelwerk "Solvency II" tritt zum 1. Januar 2016 in Kraft. Die Eiopa sieht ihren jüngsten Stresstest daher nicht als Reparaturmaßnahme, sondern als vorbeugendes Instrument. Die betroffenen Unternehmen müssten nun ihre Bilanzen verändern. "Dabei geht es nicht nur um Kapitalerhöhungen", sagte Bernardino. Wenn die Renditen und die Laufzeiten der Kapitalanlagen eines Versicherers nicht mehr zu den Verpflichtungen gegenüber den Versicherungsnehmern passten, müssten die Unternehmen an dieser Stelle ansetzen.

So könnten die Versicherer auf der einen Seite ihren Geschäftsmix verändern, wie es Anbieter wie Allianz Börsen-Chart zeigen, Ergo Börsen-Chart zeigen und Axa Börsen-Chart zeigen mit neuartigen Lebensversicherungsverträgen bereits tun, die ohne klassischen Garantiezins angeboten werden. Auf der anderen Seite gehe es darum, zuverlässige Anlageziele wie Infrastrukturprojekte zu finden, mit denen sich die notwendigen Renditen langfristig erzielen ließen. Die Branche dringt für solche Investitionen auf Erleichterungen bei den Eigenmittelanforderungen.

Mitte November hatte bereits die deutsche Finanzaufsicht Bafin die hiesigen Lebensversicherer vor drohenden Kapitallücken in Milliardenhöhe gewarnt. Würden die verschärften Anforderungen nach "Solvency II" auf einen Schlag statt schrittweise eingeführt, wäre der Bafin zufolge ein Viertel der 87 untersuchten Unternehmen mit einem Marktanteil von insgesamt 10 Prozent durchgefallen. Weil die Zinsen am Kapitalmarkt inzwischen weiter gesunken sind, dürfte die Lücke ohne Anwendung der Übergangsregeln bei 15 Milliarden Euro liegen, schätzte die Bafin.

cr/dpa-afx

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