Mittwoch, 22. November 2017

EZB-Chef im Kampf gegen Deflation Draghi stellt anhaltenden Niedrigzins in Aussicht - Euro sackt auf Zweieinhalb-Jahres-Tief

EZB-Chef Draghi: "Die Zinsen sind seit langem sehr, sehr niedrig - und das wird wahrscheinlich noch eine Zeit so bleiben"
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EZB-Chef Draghi: "Die Zinsen sind seit langem sehr, sehr niedrig - und das wird wahrscheinlich noch eine Zeit so bleiben"

Mario Draghi will den Leitzins in der Euro-Zone einem Bericht zufolge vorerst weiter rekordniedrig halten. Der EZB-Chef schickte damit den Euro auf Talfahrt - die Gemeinschaftswährung sackte auf den niedrigsten Stand seit Juli 2012.

Düsseldorf - Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, sieht die Zinsen in der Euro-Zone noch für einen längeren Zeitraum auf einem niedrigen Niveau. "Die Zinsen sind seit langem sehr, sehr niedrig - und das wird wahrscheinlich noch eine Zeit so bleiben", sagte Draghi in einem Interview mit dem "Handelsblatt".

Mit rekordtiefen Zinsen stemmt sich die EZB gegen eine zu niedrige Inflation und will die Konjunktur im Euro-Raum stärker in Schwung bringen. Gleichzeitig forderte der Notenbankchef die europäischen Regierungschefs auf, wirksame Strukturreformen umzusetzen.

"Der Dreiklang aus Reformschwäche, Bürokratie und Steuerlast behindert Europas Erholung. Wenn wir das nicht lösen, bleibt unser Wachstum schwach", sagte der EZB-Präsident. Europa habe die höchste Steuerlast in der ganzen Welt. Das sei ein "schwerer Wettbewerbsnachteil".

Der Euro Börsen-Chart zeigen fiel nach Bekanntwerden der Äußerungen auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Die Aussicht auf ein weiteres Öffnen der Geldschleusen durch die EZB habe die Gemeinschaftswährung belastet, hieß es aus dem Handel. Am Freitagmorgen rutschte der Euro auf 1,2035 US-Dollar und erreichte damit den tiefsten Stand seit Juli 2012. Die EZB hatte den Referenzkurs zuletzt am Mittwoch auf 1,2141 (Dienstag: 1,2160) Dollar festgelegt.

Draghi sagte, dass alle Länder der Euro-Zone mehr tun müssten, auch Deutschland. Die Ausgaben für Investitionen, vor allem in Forschung, Bildung und die digitale Agenda, müssten laut Draghi erhöht werden. "Andere Ausgaben und auch die Steuern sollten reduziert werden", mahnte Draghi.

Der EZB-Präsident deutete an, dass die Zentralbank schon bald mit dem Kauf von Staatsanleihen beginnen könnte. "Das Risiko, dass wir unser Mandat der Preisstabilität nicht erfüllen, ist höher als vor sechs Monaten", sagte Draghi. Die EZB sei deshalb in technischen Vorbereitungen, "um den Umfang, Tempo und die Zusammensetzung unserer Maßnahmen Anfang 2015 zu verändern, sollte dies notwendig werden, um auf eine lange Periode zu niedriger Inflation zu reagieren".

Einen Wechsel in die Politik, als möglicher Nachfolger des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, schloss Draghi aus: "Ich will kein Politiker sein. Mein Mandat als EZB-Präsident dauert bis zum Jahr 2019", sagte der Italiener.

In einer früheren Version des Artikels hatte es fälschlicherweise "Viereinhalb-Jahres-Tief" geheißen.

ts/dpa-afx

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