Samstag, 20. Oktober 2018

Risiken für das Finanzsystem enorm gestiegen 2018 - die Ruhe vor dem Crash?

Base Jumper in Kuala Lumpur: Die Stimmung ist bestens - und die Risiken sind so hoch wie selten zuvor

Voller Optimismus starten wir in das Jahr 2018. Erstmals seit der Finanzkrise haben wir einen weltweiten Aufschwung, der sich zunehmend selbst trägt. China wächst, die USA werden in den Aufschwung hinein von der Steuersenkung befeuert und selbst Europa und Japan lassen lange Phasen der Stagnation hinter sich. Nur Großbritannien scheint als Folge des Brexits auf eine Rezession zuzusteuern.

Daniel Stelter

Die Staaten geben wieder mehr Geld aus (wirklich gespart hatten diese ohnehin allen Schlagzeilen zum Trotz nie) und die Geldpolitik bleibt angesichts der realwirtschaftlichen Entwicklung äußerst locker. Die Zinserhöhungen der US-Notenbank sind moderat und von den Märkten bereits eingepreist. Sowohl Dax Börsen-Chart zeigen als auch Dow Jones Börsen-Chart zeigen notieren auf oder nahe ihren historischen Höchstständen. Auch der Abbau der Notenbankbilanz scheint bisher die Märkte kalt zu lassen. Egal was passiert, so scheint es, die Börsen dürften auch 2018 zulegen.

Bitcoins sind kein Risiko für das Finanzsystem - das liegt anderswo

Auch die Spekulationen um Kryptowährungen und ein möglicher Crash derselben sind letztlich egal. Selbst wenn diese, wie von manchen Beobachtern gefürchtet, nach einer weiteren Preisexplosion auf null kollabieren sollten, so wäre das kein Problem. Vergleiche mit der Finanzkrise sind da völlig unangebracht, da es sich bei Bitcoin und Co. vor allem um Buchgewinne der wenigen Insider handelt, die früh eingestiegen sind. Das Marktvolumen ist gering und Schätzungen gehen in die Richtung, dass nur wenige Hundert Insider mehr als 50 Prozent des Bestandes an Kryptowährungen besitzen. Das geringe Handelsvolumen dürfte einer der wesentlichen Gründe für die hohe Volatilität und die beeindruckenden Kursgewinne sein.

Da in diesem Markt Leverage eine untergeordnete Bedeutung hat, besteht keine Gefahr für das Finanzsystem von dieser Seite. Wer sich um das Finanzsystem sorgt, sollte eher auf den Markt für Unternehmensanleihen schauen.

Zuletzt war es im Februar 2000 so schön

Man muss schon einige Zeit zurückgehen, um ähnlich gute Umstände zu finden - bis in den Februar des Jahres 2000. Auch damals sah es nach einem anhaltenden Boom in der Weltwirtschaft aus. Die Börsen standen auf Rekordniveau, der Optimismus der Konsumenten war auf historischem Höchststand.

Das Munitionslager der Notenbanken war voll: Die Zinsen waren positiv und von Quantitative Easing - dem direkten Aufkauf von Wertpapieren durch die Zentralbanken im Umfang von Billionen - sprach man nur in der Theorie und dachte dabei an Japan.

Dennoch kam es bekanntlich anders. Die Blase an den Börsen platzte und die Weltwirtschaft stürzte in eine Rezession. Dies, obwohl auch damals die Überzeugung vorherrschte, dass die Notenbanken, allen voran die US-FED, jeden Einbruch verhindern könnten und würden.

Mit Blick auf die Realwirtschaft waren die Notenbanken auch mit einiger zeitlicher Verzögerung erfolgreich, die Börsen jedoch korrigierten zunächst deutlich. Die Rettung legte wiederum die Grundlage für die nächste Blase am Immobilienmarkt und damit die Finanzkrise. Letztere haben die Notenbanken dann erneut mit noch billigerem Geld bekämpft und dürften damit die dritte Blase in nur 20 Jahren aufgepumpt haben, noch größer als alle zuvor.

Besondere Art des "This Time it's different"

Wie im Jahr 2000 wissen wir um die Gefahren: Die Börsen sind hoch bewertet, die Anleihen von Staaten und Unternehmen bringen fast keine Zinsen und die Verschuldung von Staaten und Privaten liegt weltweit auf Rekordniveau. Dennoch gibt es die feste Überzeugung, dass auch diesmal nichts schiefgehen kann. Erneut hören wir von allen Seiten die bekanntlich gefährlichsten Worte mit Blick auf Finanzmärkte: "This Time it's different".

Die Argumentation ist dabei vordergründig einleuchtend: Die Verschuldung sei mittlerweile so hoch, dass es unmöglich ist, dass die Zinsen jemals wieder steigen. Der Euro ist so kaputt, dass nur billiges Geld ihn stabilisieren kann. Die demografische Entwicklung ist so schlecht, dass wir in einer Welt mit zu vielen Ersparnissen gefangen sind, weshalb die Zinsen auch ohne Notenbanken tief bleiben. (Warum sind die Zinsen so tief?)

Alles zusammen lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Die Finanzmärkte erreichen ein permanent hohes Niveau, weil Sparern und Investoren keine andere Wahl bleibt, als Aktien und andere Assets mit wenigstens etwas Ertrag zu kaufen. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, erkennen doch immer mehr Marktteilnehmer, dass eine Rückkehr zu den alten Zeiten nicht zu erwarten ist. Wer klug ist, kauft heute. Egal wie teuer es ist.

Nur ein Zinsanstieg könnte die Party beenden. Und der wird angesichts der genannten Probleme und dem entschiedenen Willen der Notenbanken, die Zinsen tief zu halten und über höhere Inflationsraten die Schulden zu entwerten, ausgeschlossen.

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