Freitag, 27. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Ritterschlag für Dagong Allianz lässt Tochter von Chinesen bewerten

Botitätsnoten: S&P, Moody's und FitchRatings beherrschen den Markt. Die chinesische Ratingagentur Dagong könnte diese Phalanx jetzt aufbrechen

Der Vorstoß der Ratingagentur Dagong in den Westen wurde lange Zeit belächelt. Nun aber rüsten die Chinesen mächtig auf - und gewinnen den ersten europäischen Großkunden: die Allianz-Tochter Euler Hermes.

Hamburg - Die chinesische Ratingagentur Dagong hat in Europa den ersten großen Referenzkunden gewonnen. Der Kreditversicherer Euler Hermes, eine Tochter der Münchner Allianz, beauftragte Dagong Europe mit Bewertung seiner Bonität - und erhielt ein "AA-", also die viertbeste Ratingnote überhaupt, was für eine starke Finanzbasis spricht.

Für die im Westen lange Zeit belächelte Agentur sei dies ein Ritterschlag, hieß es in Finanzkreisen. "Das ist definitiv ein Meilenstein", sagte Senior Director Ulrich Bierbaum zu manager magzin Online. Euler sei genau der Typ von Unternehmen, auf den Daging abziele - "europäische Großkonzerne mit globalen Aktivitäten und einem speziellen Augenmerk auf China". Bierbaum ist bei Dagong Europe für die Gewinnung neuer Kunden verantwortlich.

Ähnlich wie Bierbaum äußerte sich Euler-Hermes-Chef Wilfried Verstraete, der das Rating durch Dagong "einen besonders wichtiger Meilenstein für unsere langfristigen Wachstumsziele" nannte. Das Rating zeige Kunden in China und den übrigen 55 Ländern, in denen Euler Hermes vertreten sei, wie solide die Finanzlage des Unternehmens sei. Bis dato hatte die Allianz-Tochter nur ein Rating des US-Platzhirschen Standard & Poor's (S&P), der das Unternehmen ebenfalls mit AA- beurteilt. Kreditversicherer benötigen ein externes Rating vor allem für ihre Kunden, die wissen wollen, ob ihre Risiken gut abgesichert sind.

Bereits wenige Monate nach der Zulassung durch die europäische Aufsicht kann Dagong Europe damit den ersten namhaften Akquise-Erfolg vorweisen. Angeblich hat die Agentur zwar schon weitere Kunden gewonnen. Öffentlich gemacht wurde aber bislang nur ein Rating für die kleine portugiesische Bank Espirito Santo. Dagong hatte im Mai 2012 ein Büro in Mailand eröffnet, um von dort aus den europäischen Markt zu erobern. Ein gutes Jahr später erfolgte die Zulassung durch die Aufsicht Esma.

In den USA bleibt Dagong der Marktzutritt bislang verwehrt

An den Start gingen die Chinesen mit einem Joint Venture mit der italienischen Beteiligungsfirma Mandarin Capital, wobei der Anteil Dagongs 60 Prozent beträgt. Die Projektleitung übertrugen sie Marco Cecchi de' Rossi, dem früheren Italien-Chef der Ratingagentur Fitch. Der zu Beginn kommunizierte Fünfjahresplan: 30 Analysten, neun Millionen Euro Umsatz, 5 bis 10 Prozent Marktanteil in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien und Großbritannien, Konzentration zunächst auf Banken und Versicherer.

Mit Euler Hermes hat Dagong nun nicht nur beim Versicherungsriesen Allianz einen Fuß in der Tür. Weil Euler Hermes selbst Ratingdienstleistungen anbietet und daher durchaus Expertise hat auf dem Gebiet, adelt dies die chinesische Agentur zudem ein Stück weit. Wie im Ratingmarkt üblich, bezahlt das benotete Unternehmen die Agentur, so auch im Falle Dagongs. Wie viel das Rating gekostet hat, wollten die Beteiligten nicht sagen. Übliche sind sechsstellige Summen - allerdings ist davon auszugehen, dass Dagong zurzeit noch ordentliche Rabatte gewährt, um überhaupt erst einmal Fuß zu fassen in Europa.

Während Dagong im Heimatland große Bedeutung hat, spielten sie bei Investoren außerhalb Chinas bislang kaum eine Rolle. In den USA hatte ihr die Börsenaufsicht SEC sogar den Marktzutritt verwehrt. Bislang sah es nicht danach aus, als könne Dagong eines der letzten Oligopole der westlichen Finanzmärkte brechen, nämlich das von S&P, Moody's und Fitch, den drei großen Ratingagenturen, die den Markt für Bonitätsnoten beherrschen. Diese Macht ist umso kritischer, weil es bei Ratings nicht nur um eine Dienstleistung geht, sondern auch um die Deutungshoheit über die Bonität von Staaten und Unternehmen.

Dagong verzichtet auf Aufsehen erregende Ratings ohne Auftrag

2010 hatte Dagong mit einer Analyse über die Kreditwürdigkeit großer Staaten erstmals Aufmerksamkeit erregt. Das Ergebnis damals: China Triple-A, USA nur Double-A. Im Westen hielt man das zunächst für billige PR, zumal Dagong-Chef Guan Jianzhong mit einem verbalen Angriff auf die großen US-Agenturen ("hochgradig ideologisiert") nachlegte. Vor mehr als zwei Jahren senkte Dagong die Bonität der USA sogar auf nur noch Einfach-A.

Von den politischen Untertönen, die seinerzeit mitschwangen, hat sich Dagong seit dem Markteintritt in Europa freigemacht. Und: Anders als bei den damaligen Staatenratings verzichten die Chinesen im Finanzsektor auf auftragsfreie Bewertungen, mit denen man zwar Aufmerksamkeit erregen kann - aber kein Geld verdient.

Auffällig ist, dass sich Dagong zunächst allein auf die Finanzbranche konzentrieren und ihre Dienstleistung erst später auf Industrieunternehmen ausweiten will. Genauso will die Berliner Ratingagentur Scope vorgehen, die im vergangenen Frühjahr ankündigte, ebenfalls in Konkurrenz zu den "Großen Drei" zu treten. Im Unterschied zu Dagong will Scope zunächst aber Dutzende Banken auch ohne Auftrag raten.

Die Motivation, warum sich bald auch weitere europäische Unternehmen mit einem Rating von Dagong befassen dürften, ist klar: Chinesische Investoren wie der Staatsfonds Safe gehören längst zu den größten Geldgebern weltweit. Die Note einer dortigen Agentur kann zumindest nicht schaden, wenn westliche Unternehmen in China um Kapital buhlen. Und: Vielleicht machen chinesische Fonds solch ein Rating auch irgendwann zur Voraussetzung für ein Engagement - zumindest ist das das Kalkül von Dagong.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH