Sonntag, 20. Januar 2019

Behavioral Finance "Aktienkurse gehorchen dem Zufall"

Rauf und runter: "Man meint, dass man mehr weiß als alle anderen - obwohl alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumschwirren, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind", sagt Martin Weber

Wer versucht, schlauer zu sein als der Markt, hat schon verloren. So lautet ein Lehrsatz des "Behavioral Finance". Nur wer sein eigenes irrationales Verhalten kennt, hat eine Chance. Ein Exkurs durch die Welt menschlicher Schwächen - und welche Lehren Investoren daraus ziehen sollten.

Klar, mit Coca-Cola Börsen-Chart zeigen hätte man Millionär werden können. Wenn man die Aktien vor 50 Jahren gekauft hätte. Oder Apple Börsen-Chart zeigen vor zehn Jahren. Wer so denkt, ist bereits in die Falle getappt: "Vor 50, zehn oder acht Jahren hätte man auch zahllose Aktien von Unternehmen kaufen können, die heute pleite sind", sagt Martin Weber. "Doch von denen redet heute keiner mehr. Wir sehen aus der Rückschau nur die wenigen Gewinner."

Der Ökonomieprofessor, der an der Universität Mannheim unter anderem "Behavioral Finance" lehrt, beschäftigt sich seit Langem mit dem menschlichen (Fehl)-Verhalten an der Börse. Er untersucht die immer wiederkehrenden Fehler, die gestresste, genervte, verängstigte oder von Gier getriebene Investoren machen.

Börsen sind nicht rational, und Anleger handeln nicht rational, lautet ein Lehrsatz der Forschungsdisziplin. Weber spitzt es zu: "Aktienkurse gehorchen dem Zufall."

Dies bedeutet nicht, dass Investoren blind in den großen Lostopf greifen und wie in einer Lotterie auf den Hauptgewinn hoffen sollten. "Das Schöne an dem Börsenlotteriespiel ist, dass wir langfristig einen positiven Trend erwarten können", sagt Weber.

Nur wer von Wirtschaftsunternehmen langfristig eine positive Rendite erwartet, sollte sich durch den Kauf von Aktien an ihnen beteiligen. Und gleichzeitig versuchen, die Renditekiller auszuschalten, die durch die menschlichen, allzu menschlichen Schwächen entstehen.

Zu den größten dieser Schwächen zählt die Selbstüberschätzung. Besonders Männer neigen dazu, sagt Weber. "Man meint, dass man mehr weiß als alle anderen - obwohl alle aktuellen Informationen, die im Anlageuniversum herumschwirren, bereits im aktuellen Kurs enthalten sind". Beim Aktienkurs von morgen ergeben neue Informationen einen neuen Mix.

"Nur Frau Schlotterbeck aus dem 'Räuber Hotzenplotz' hat eine Kristallkugel, mit der sie in die Zukunft sehen kann", sagt Weber. Alle anderen - außer Frau Schlotterbeck - brauchen zum Börsenerfolg Glück, ein klares Konzept - und ein paar simple Verhaltensregeln.

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