Dienstag, 30. August 2016

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Finanzriese Blackrock warnt vor Risiken in Europa "Was hier passiert, ist besorgniserregend"

Blackrock-Vize Philipp Hildebrand: "Die Phase der Austeritätspolitik ist nun endgültig vorbei."

Seinen Job als Präsident der Schweizer Notenbank musste er unter unehrenhaften Umständen aufgeben. Jetzt verwaltet Philipp Hildebrand als Vizechef des weltweit größen Vermögensverwalters Blackrock die gigantische Summe von 4700 Milliarden Dollar. Sein Urteil über Europas Wirtschaft: "Was hier passiert, ist besorgniserregend".

Philipp Hildebrand empfängt hoch über Frankfurt, im 41. Stock des Opernturms. Durch die Glasfassade schaut man auf die beiden Türme der Deutschen Bank herunter: ein Sinnbild für die neue Ordnung in der Finanzwelt.

Hildebrand ist Vizechef von Blackrock, jenes amerikanischen Finanzgiganten, der in den vergangenen Jahren zum größten Vermögensverwalter der Welt aufgestiegen ist. 4,7 Billionen Dollar hat Blackrock zur Verfügung - eine gigantische Summe. Mehr als das deutsche Bruttoinlandsprodukt. Rund vier Mal so viel wie die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank.

Das Geld kommt von Großkunden wie Versicherungen und Staatsfonds, aber auch von Kleinanlegern, die in Fonds von Blackrock und der Tochtergesellschaft iShares investiert haben. Und es steckt unter anderem in einem Firmenimperium, das seinesgleichen sucht: Ob US-Banken wie JP Morgan und Citigroup, Ölgiganten wie Exxon Mobil und Chevron oder Konsumgüterkonzerne wie Nestlé und Apple - überall ist Blackrock als Großaktionär beteiligt. In Deutschland gehören dem Vermögensverwalter größere Anteile an Dutzenden Unternehmen - von Daimler über Bayer bis zur Deutschen Bank.

Hildebrand ist für die Betreuung der ganz großen Investoren zuständig. Doch wenn er spricht, merkt man, dass noch viel von seinem alten Job in ihm steckt: Bis Anfang 2012 war er Präsident der Schweizer Nationalbank und nahm die Großbanken des Landes an die Kandare. Dann kam heraus, dass seine Frau mit Währungen spekuliert hatte - ohne sein Wissen, wie er beteuerte. Trotzdem trat er zurück.

Nun ist Hildebrand ein Handlungsreisender der Finanzwelt. Gerade kommt er aus Miami, wo er mit Arnold Schwarzenegger zu Abend gegessen hat. Er ordert einen Espresso, gegen den Jetlag.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hildebrand, die Terroranschläge von Paris verunsichern die Menschen in Deutschland und in ganz Europa. Viele fragen sich: Kann man noch ins Fußballstadion gehen? Kann man noch auf den Weihnachtsmarkt gehen oder mit dem Zug fahren? Lähmt so eine Unsicherheit auch die Wirtschaft?

Hildebrand: Diese tragischen Ereignisse bringen natürlich einen weiteren Unsicherheitsfaktor in die Wirtschaftslage. Das könnte negative Effekte vor allem für den Konsum mit sich bringen. Bis zu einem gewissen Grad könnten auch Probleme beim Handel dazukommen, etwa wenn es an den Grenzen strengere Kontrollen für Güter gibt. Auf der anderen Seite rechne ich aber infolge der Anschläge auch mit gesteigerten Staatsausgaben, die wachstumsunterstützend wirken werden.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Hildebrand: Ich denke, dass die Ereignisse von Paris die Fiskalpolitik der EU verändern werden. Es ist jetzt allen klar geworden, dass ganz Europa im Visier der Terroristen ist. Die staatlichen Ausgaben für Sicherheit werden deshalb deutlich steigen. Das verstärkt einen Trend, den es bereits seit einigen Monaten gibt: Die Phase der Austeritätspolitik ist nun endgültig vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission hat ja schon signalisiert, dass Frankreich den Stabilitätspakt erst mal nicht mehr einhalten muss und höhere Staatsdefizite machen kann als eigentlich erlaubt. Könnten diese Ausnahmen auch für andere Länder gemacht werden?

Hildebrand: Ja, es lässt sich wohl nicht verhindern, dass Europa mehr Geld für Sicherheit ausgeben wird. Das gilt auch für Deutschland, auch wenn Wolfgang Schäuble hier alles tun wird, um Vorsicht walten zu lassen. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Der Stabilitätspakt der Eurozone wird mindestens temporär durch einen Sicherheitspakt ersetzt. Dies wird einerseits die Nachfrage stützen, aber andererseits bauen sich hier langfristig möglicherweise erneut Schuldenprobleme auf.

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