Samstag, 16. Dezember 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Finanzriese Blackrock warnt vor Risiken in Europa "Was hier passiert, ist besorgniserregend"

Blackrock-Vize Philipp Hildebrand: "Die Phase der Austeritätspolitik ist nun endgültig vorbei."

2. Teil: Wie Blackrock die deutsche Wirtschaft einschätzt

SPIEGEL ONLINE: Man sollte meinen, kaum jemand kennt die deutsche Wirtschaft so gut wie Blackrock. Ihre Fonds halten große Aktienpakete an Dutzenden deutschen Unternehmen. Können Sie uns sagen, wie es um die deutsche Wirtschaft wirklich steht?

Hildebrand: Grundsätzlich geht es der deutschen Wirtschaft gut, sie ist sehr wettbewerbsfähig. Aber es gibt auch Probleme. So hat Deutschland enorm von dem historisch einmalig starken Aufschwung Chinas profitiert - und der kann so nicht weitergehen. Das wird man auch in der deutschen Wirtschaft spüren.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Schwäche Chinas und anderer Schwellenländer ist die Nachfrage aus dem Ausland ja schon jetzt sehr gering, ebenso wie die Investitionen. Das Einzige, was den deutschen Aufschwung am Laufen hält, ist der Konsum. Wenn der nun wegen der Terrorangst auch noch schwächelt, sieht es schlecht aus.

Hildebrand: Es ist richtig, dass es bei den Investitionen einen großen Nachholbedarf in Deutschland gibt. Aber ich würde, was den Konsum betrifft, nicht den Teufel an die Wand malen. Erfahrungsgemäß sind die Effekte nicht von langer Dauer - es sei denn, es kommt noch zu weiteren Anschlägen. Das ist die entscheidende Frage.

SPIEGEL ONLINE: Im Zuge des VW-Skandals wurde ja schon das Ende von "made in Germany" ausgerufen. Hat die Affäre um manipulierte Abgaswerte dem Ruf Deutschlands wirklich so geschadet?

Hildebrand: Nein, dafür sehe ich keine Anzeichen. Aber was mich schon besorgt, ist das Muster, dass frappantes Fehlverhalten europäischer Firmen immer wieder von amerikanischen Behörden aufgedeckt wird. Das scheint mir das wahre Problem zu sein. Ich denke da nicht nur an VW, sondern auch an die Banken oder an die Fifa.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das? Haben es die amerikanischen Behörden besonders auf die europäischen Firmen abgesehen?

Hildebrand: Das ist die Reaktion, die dann instinktiv aus Europa kommt - die scheint mir aber zu kurz gegriffen. Ich glaube, dass Europa die Pflicht hat, an seine Unternehmen die höchsten Ansprüche zu stellen, sei es in puncto Unternehmensführung oder auch im Hinblick auf den Umweltschutz. Dies wird in der langen Frist für das europäische Wachstum positiv sein. Was hier aber passiert, ist besorgniserregend. Das darf Europa auf Dauer nicht zulassen. Ich habe das selbst erlebt bei den Banken, wo Europa es jahrelang versäumt hat, die mangelnde Kapitalausstattung zu beheben. Die Amerikaner dagegen sind das Problem schon 2009 angegangen, und die Banken sind schnell wieder gesundet. In Europa hat man es unter den Teppich gekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es, dass die Behörden hier in Europa nicht hart genug durchgreifen? Wollen sie die eigenen Unternehmen schützen?

Hildebrand: Ich kann das aus der Nähe am besten für den Finanzbereich beantworten. Da war es schon ein riesiges Problem, dass die nationale Bankenaufsicht immer sehr eng mit der Politik verbunden war. Dieser Nexus wurde erst jetzt durch die Einführung der europäischen Bankenaufsicht gebrochen. Außerdem hatte man in Europa nie wirklich den Mut, in großem Ausmaß öffentliches Geld in die Banken zu stecken - oder dies zumindest anzudrohen, wie man es in den USA gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist das der Grund dafür, dass die europäischen Banken von den amerikanischen so abgehängt wurden?

Hildebrand: Absolut. Und nicht nur das. Es ist auch einer der Gründe dafür, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Europa so viel schlechter war als in den USA. In Europa ist die Wirtschaft so stark von den Banken abhängig, dass es ein riesiger Fehler war, die Finanzinstitute so lange so schwach und unterkapitalisiert zu lassen. Wir haben dafür einen hohen Preis gezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Banken dann keine Kredite an Unternehmen und Verbraucher vergeben.

Hildebrand: Ja. Europa ist ein Wirtschaftsraum, der maßgeblich von Banken finanziert wird. Wenn wir schwache Banken haben, haben wir schwaches Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank versucht, dem schwachen Wachstum durch Gelddrucken zu begegnen. Sie wird Anfang Dezember womöglich verkünden, dasssie noch mehr Anleihen aufkauft als bisher oder sogar den Strafzins für Banken erhöht, wenn sie Geld bei ihr parken. Ist das richtig?

Hildebrand: Europa hat zwei Probleme, und ein wesentliches davon ist ein Nachfrageproblem: Die Wirtschaft ist nicht ausgelastet, auch die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor zu hoch. Und die Inflation liegt nahe null. Hier muss man Verständnis haben, wenn sich die EZB über weiteren Handlungsbedarf Gedanken macht. Sie ist angesichts ihres gesetzlichen Mandats, stabile Preise zu gewährleisten, sogar verpflichtet, weitere Maßnahmen in Betracht zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Hildebrand: Europa hat auch ein Strukturproblem. Arbeits- und Produktmärkte sind überreguliert. Investitionen lohnen sich zu wenig. Das Wachstumspotenzial ist zu gering. Und hier kann die Geldpolitik nichts machen. Da braucht es die Bereitschaft der Politik, bestehende Strukturen aufzubrechen. Je länger man damit wartet, diese fundamentalen Probleme anzugehen, desto höher wird der Preis sein.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Deutschland?

Hildebrand: Natürlich. Deutschland muss in Europa vorangehen. In den vergangenen Jahren hat Deutschland, was Strukturreformen angeht, seine Führungsrolle immer weniger wahrgenommen. Man hat zwar noch viel darüber gesprochen, aber in einigen Bereichen ist man sogar rückwärtsgegangen, etwa bei der Rente mit 63. In den südeuropäischen Krisenländern wie Spanien oder Portugal dagegen gab es sehr wohl Reformen - und das ist auch der Grund, warum es dort jetzt wieder aufwärtsgeht.

Seite 2 von 3

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH