Freitag, 20. Juli 2018

Verlorene Passwörter, verzweifelte Investoren Bitcoin für 20 Milliarden Dollar weg - so finden Sie sie wieder

Bitcoins kaufen: Viele Investoren haben ihr Cyber-Geld schon vor langer Zeit erworben - und wissen heute nicht mehr, wie sie daran kommen sollen.

Kennen Sie Dave Bitcoin? Wenn Sie Bitcoins besitzen, sollten Sie ihn vielleicht kennenlernen. Dave Bitcoin gibt es nicht wirklich. Es ist ein Pseudonym, unter dem die Mitarbeiter der Firma Wallet Recovery Services online mit ihren Kunden kommunizieren.

Wallet Recovery Services ist ein Unternehmen, das wie viele andere vom Hype um Krypto-Währungen profitieren will. Die Preise von Bitcoin, Ethereum, Ripple und anderen Digital-Geldern befinden sich zwar auf Talfahrt, seit Ende vergangenen Jahres eine riesige Spekulationsblase in dem Markt platzte. Im Vergleich zu früheren Jahren sind viele Cyber-Währungen aber immer noch ziemlich hoch bewertet - entsprechend groß ist das Interesse der Besitzer, auch tatsächlich über ihr Krypto-Vermögen verfügen zu können.

Das Problem: Nicht alle, die in den vergangenen Jahren irgendwann einmal Bitcoins gekauft haben - womöglich zu einem Zeitpunkt, als der Preis noch weit unter dem aktuellen Level von etwa 6400 Dollar lag -, haben heute noch den gewünschten Zugriff auf ihre digitalen Ersparnisse. Dem einen ging in der Zwischenzeit das Passwort für die digitale Geldbörse, das sogenannte Wallet, verloren, beim anderen machte mittlerweile womöglich die Festplatte schlapp.

Bei einem Bankkonto oder einem Email-Account gibt es in der Regel ein Unternehmen auf der Gegenseite, welches bei der Wiederherstellung eines solchen Passwortes behilflich ist. In der Welt der Krypto-Gelder ist das jedoch anders: Die Anonymität und dezentrale Organisation ohne steuernde Instanz im Zentrum ist ein wichtiges Charakteristikum dieses Marktes - und daraus entsteht in den genannten Notfällen ein fatales Problem: Die Betroffenen sind bei dem Versuch, an die verlorenen Bitcoins zu gelangen, mehr oder weniger auf sich allein gestellt.

Der Hypnotiseur ist wählerisch

Dabei geht es um durchaus nennenswerte Beträge: Wie das "Wall Street Journal" mit Verweis auf Daten der New Yorker Analysefirma Chainalysis berichtet, ist auf die genannte Weise inzwischen etwa ein Fünftel des gesamten weltweiten Bitcoin-Bestandes verloren gegangen. In Zahlen heißt das: Auf Bitcoins im aktuellen Wert von etwa 20 Milliarden Dollar haben deren Eigentümer schlicht keinen Zugriff.

An der Stelle kommen Firmen wie Wallet Recovery Services ins Spiel. Das Unternehmen nutzt eine spezielle Software, um Wallets zu knacken, deren Passwörter nicht bekannt sind. Das kann laut "WSJ" zum Teil Monate dauern und ist für den betroffenen Auftraggeber auch nicht ganz billig: 20 Prozent der wieder beschafften Bitcoins gehen an die Cyber-Retter, so die Zeitung. Die Erfolgsquote beträgt demnach etwa 30 Prozent.


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Wem das nicht zusagt, der kann sich auch an andere Adressen wenden. WeRecoverData beispielsweise geht ebenfalls mit Spezialsoftware zu Werke. So durchsucht die Firma Computer nach Dateien, auf denen die Nutzer möglicherweise ihre PINs und Passwörter gespeichert haben. Das Prozedere soll laut "WSJ" lediglich einige Tage dauern, und die Erfolgsquote erscheint mit angeblich 95 Prozent auch nicht schlecht.

Zudem ist da noch der Hypnotiseur: Jason Miller versucht sich eigenen Angaben zufolge per Hypnose ins fotografische Gedächtnis der Bitcoin-Käufer vorzuarbeiten, um dort das ersehnte Passwort zu finden. Der zertifizierte Fachmann nimmt lediglich 0,5 Bitcoin als Vorkasse und 5 Prozent vom wiederbeschafften Vermögen, so der Bericht im "WSJ". Etwa 50 Prozent der Fälle, die er annimmt, könne er auch lösen, sagt Miller.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Der Hypnotiseur ist allerdings wählerisch: Wer nicht an seine Fachrichtung glaube, brauche sich bei ihm gar nicht erst zu melden. Hypnose-Skeptiker schreiben dann vielleicht doch besser gleich eine Mail an Dave Bitcoin.

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