Sonntag, 25. September 2016

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Wirtschaftsglosse 100.000 Euro in der Straßenbahn vergessen

Fundsache? Glaubt man den Plänen der Regierung, soll es soviel Bargeld auf einmal künftig nicht mehr geben. Das tragen dann allenfalls nur noch die Bösen mit sich, um es über Investitionen in allerlei Luxusgüter rein zu waschen und die Spuren des Betrugs zu vertuschen. Dabei ermöglicht Bargeld so viele glückliche Momente. Nicht nur für Kriminelle ...

Mehr als 30 Jahre liegt dieser Tag schon zurück. Aber dieses Erlebnis werde ich niemals vergessen: Als junge Studentin in Freiburg war mir mein Kellerzimmerchen gekündigt worden - Eigenbedarf. Wochenlang suchte ich mit wachsender Verzweiflung erfolglos nach einer neuen Bleibe in der schon damals von größter Wohnungsnot geplagten Universitätsstadt.

Irgendwann war mein Stolz (es waren immerhin die frühen 80er Jahre) - "Ich schaff das alleine!"- gebrochen. Heulend rief ich von einer Telefonzelle meine Mama an (kaum zu glauben, aber es gab Leben vor Handy und WhatsApp). Tatkräftig wie diese bewundernswerte Frau schon immer war beschied sie mich: "Beruhige Dich, Kind. Ich mache das."

Zwei Wochen später stand sie mit ihrem roten Flitzer vor meiner Bude. Wir fuhren zu einem edlen Büro in der Innenstadt - dem Notar. Mit Schwung stellte Frau Mama ein Aktenköfferchen auf den dunklen Schreibtisch. Klack, klack schnappten die Verschlüsse auf. Drinnen lagen - schön gebündelt in 1000er Scheinen - 100 .000 Mark.

Mein Gott, was war ich beeindruckt: Meine Mutter hatte einfach so bar, cash eine entzückende Zwei-Zimmer-Wohnung für mich gekauft! Boah, ey!

Eva Müller
manager magazin
Eva Müller
Und mit solch nachhaltig imponierenden, ja nachgerade lebensprägenden Momenten soll jetzt Schluss sein? Ja spinnen die denn in Berlin! Das geht doch überhaupt nicht.

Herr Schäuble, stellen Sie sich doch nur einmal vor: All diese unvergesslichen Besuche hochverliebter Paare beim Juwelier. Er ruckelt ein mehr oder minder dickes Bündel (das lässt sich ja mit der Denomination der Noten regulieren) Scheinchen aus der viel zu engen Jeans. Sie bricht in Tränen aus ob des funkelnden Solitärs am Finger. Solche unglaublichen Erinnerungen an die ergreifenden Momente einer großen Liebe soll es nie wieder geben!

Oder dann ein paar Jahre später. Er und sie stehen im luxuriösen Hideaway an der Rezeption - zitternd vor Erregung angesichts der Nächte in der Spasuite, die mit jeweils 2500 Euro zu Buche schlagen wird. Nach 48 Stunden voller Lust und Liebe ist spätestens alles vorbei. Sonst muss mit Karte gezahlt werden und die Abrechnung könnte dem jeweils gehörnten Ehegespons (Sie sehen, ich vermeide in diesem Fall jede Geschlechter-stereotype Zuordnung des Bargeld-Zückenden) versehentlich (oder absichtlich recherchiert) unter die Augen kommen.

Was unweigerlich dazu führt, dass wenige Tage später wieder ein Bargeld-Häufchen den Besitzer wechseln muss. Entweder beim Autohändler für einen die Potenzstörung des Betrogenen wieder aufrichtenden Sportwagen oder für einen übergroßen und gehorsamen, das gut ausgebildeten Trostspender mit vier Hufen und wehender Mähne beim Pferdezüchter. Tränenreiche Versöhnung, schluchzende Geigen, happy End.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
All diese nachhaltig einprägsamen großen Ereignisse möchten Sie, Herr Schäuble und all Ihre moralinsauren Tugendapostel uns Deutschen also jetzt nehmen. Und das einzig und alleine nur, weil hierzulande so rund 30 Milliärdchen Euro pro Jahr bei Cash-Transaktionen beim Notar, Juwelier oder Yachtbauer von ein paar bösen Buben (Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit oder simple Kriminalität) reingewaschen werden. Nur weil ein paar Terroristen auf diese Weise an Waffen und Granaten kommen. Hey, wir dürfen uns doch unser freies Leben nicht von diesen verbohrten Extremisten versauern lassen. Wird uns das nicht dauernd aus Berlin gepredigt.

Ein gelungenes Leben braucht nun einmal sensationelle Erlebnisse, die sich eindrücklich im Kopf festsetzen und nachhaltig für Glück sorgen. Und das funktioniert eben doch am besten mit Bargeld. Kreditkarten, Überweisungen bleiben doch immer nüchtern und geschäftsmäßig, von Romantik keine Spur.

Deshalb: Bitte, bitte lieber Herr Schäuble, lassen Sie uns weiter die Millionen unter der Matratze bunkern und Zehntausende in der Plastiktüte herumtragen. Schon allein aus journalistischer Sicht ist solcherlei Verhalten unverzichtbar: "100.000 Euro in der Straßenbahn vergessen" - was für eine göttliche Überschrift.


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