Donnerstag, 16. August 2018

Milliardenbewertung für Gebrauchtwagenportal "Und dann kam Oma"

 Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit
Kai Müller für manager magazin
Von null auf 2,9 Milliarden: Hakan Koç (l.) und Christian Bertermann steuern eines der wertvollsten Start-ups weltweit

Das Berliner Start-up ist in nur fünf Jahren zu Europas größtem Gebrauchtwagenhändler aufgestiegen. Das Investment von Softbank-Milliardär Masayoshi Son befördert Auto1 nun in die Gruppe der wertvollsten jungen Unternehmen der Welt. Die beiden Gründer Hakan Koc und Christian Bertermann gewähren Einblicke in die Steuerung ihres Fuhrparks.

Das alte Postgebäude sagt viel über das Lebensgefühl in Kreuzberg. Ein Buchladen, ein Weinhandel und der Edel-Kinderausstatter Rasselfisch residieren hier, junge Väter schieben Kinderwagen vorbei. Über seinen größten Mieter aber verrät das Gründerzeithaus so gut wie nichts. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das DIN-A4-große Papierschild an der Glastür neben dem Alnatura-Supermarkt: "Auto1 Group".

Der bescheidene Auftritt steht in krassem Gegensatz zur wirtschaftlichen Entwicklung: In fünf Jahren ist das Start-up von einer Zweimannbude zu Europas größtem Gebrauchtwagenhändler mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz aufgestiegen. Durchschnittliche Wachstumsrate: 350 Prozent. Mindestens 465 Millionen Euro Wagniskapital haben die beiden Gründer Hakan Koç (33) und Christian Bertermann (33) eingesammelt, damit ist Auto1 eine der wertvollsten deutschen Neugründungen.

Nun ist auch der legendäre japanische Tech-Investor Masayoshi Son mit 460 Millionen Euro bei der Auto1 Group eingestiegen. Das Investment aus Japan erhöht die Bewertung des Berliner Start-up auf 2,9 Milliarden Euro. Damit zählt Auto1 zu den am höchsten bewerteten jungen Unternehmen in Europa und der Welt - nur der Streamingdienst Spotify ist in Europa höher bewertet.

Das Geschäftskonzept der Auto1 Group ist so einfach wie erfolgreich: Über diverse Onlineportale - das bekannteste ist Wirkaufendeinauto.de (WKDA) - erwirbt das Unternehmen Gebrauchtwagen und verkauft sie weiter an Autohäuser. Dank der Präsenz in mehr als 20 Ländern macht sich Auto1 regionale Preisunterschiede zunutze und schaltet den Zwischenhandel aus.

Garantierter Preis für Autoverkäufer

Die meist privaten Verkäufer erhalten einen garantierten Preis und müssen sich um keinerlei Formalitäten mehr kümmern. "Auto1 ist der erste Player, der eine international skalierbare Handelsplattform für Gebrauchtwagen geschaffen hat", lobt BMW-Chef Harald Krüger. "Sie verändern den Markt spürbar."

Anders als Vermittlungsportale wie Mobile.de oder Autoscout24 wird Auto1 selbst Eigentümer der Fahrzeuge. So bekommt der Verkäufer schneller sein Geld - und der Onlinehändler eine einzigartige Datenbasis realer Preise. Das Start-up sei "sehr disruptiv", urteilt Googles Deutschland-Chef Philipp Justus. Der Gebrauchtwagenhändler ist inzwischen höher bewertet als der Kochboxversender HelloFresh oder der Lieferdienst Delivery Hero. Nur ist über Auto1 nahezu nichts bekannt.

Hinter der Glastür mit dem Papierschild tut sich eine eigene Welt auf: ein Empfangstresen mit der Anmutung eines Check-in-Schalters am Flughafen, ein Warteraum wie beim Arzt mit Autozeitschriften auf dem Tisch. Auf dem videoüberwachten Parkplatz nebenan stehen mehr Fahrräder als Autos.

Hakan Koç und Christian Bertermann empfangen im Besprechungsraum DB5, benannt nach dem Autoklassiker von Aston Martin, dessen Bild eine der Wände ziert. Ansonsten: nüchternes Businessmobiliar, weiße Wände, Glastüren. Auch das Vorstandsbüro ist für jeden einsehbar, als Türschilder dienen DIN-A4-Blätter in Klarsichthüllen.

Beide Chefs tragen Jeans, der oberste Hemdknopf ist offen. Gerade kommen sie vom ersten Fotoshooting ihres Lebens und sorgen sich, ob sie auch gut rüberkommen. Öffentlichkeit war bisher nicht so ihr Ding. Mit Heimlichtuerei habe das nichts zu tun, versichert Koç. "Wir sehen nur keinen Sinn darin, uns selbst zu promoten. Wir nutzen die Zeit lieber, um die Company voranzubringen."

Die Company, das sind mittlerweile rund 2800 Mitarbeiter (davon 1200 in Deutschland), 350 Filialen und etwa 3000 verkaufte Autos - pro Tag. Knapp eine Million Gebrauchtwagen hat Auto1 seit seiner Gründung gehandelt, und jedes Jahr werden es ein paar Hunderttausend mehr.

Ausgerechnet zwei studierte Internet-Nerds haben es geschafft, eine Branche aufzurollen, deren Image nur knapp über dem von Hütchenspielern rangiert. Sie haben 30.000 Autohändler als Kunden gewonnen, obwohl sie ihnen Teile des Geschäfts wegnehmen.

Wie das gelang? Ganz einfach, sagt Bertermann. Mit Einfachheit, Transparenz und Vertrauen.

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