Finanzen

25.04.2018  US-Bondmarkt lässt Börse abrutschen

Darum ist die Rendite der US-Staatspapiere so wichtig

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manager magazin online

Anleihen im Fokus: Welche Folgen hat ein Zinsanstieg?

Seit Monaten beäugen Investoren an der Börse argwöhnisch das Geschehen am US-Anleihemarkt. Im Fokus steht vor allem die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen, die eine Leitfunktion hat: Sie stieg zuletzt zusehends und sorgte immer wieder für Turbulenzen am Aktienmarkt.

Am Dienstag dieser Woche erreichte die Kennzahl dann eine viel beachtete Marke: Der erste Anstieg der Rendite zehnjähriger US-Anleihen auf 3 Prozent seit 2014 ließ an der Börse die Kurse heftig einknicken. Auch am Mittwoch stehen die Aktienkurse vor diesem Hintergrund weiter unter Druck.

Aus Sicht eines unvoreingenommenen Betrachters kann die negative Reaktion der Börsianer irritieren. Schließlich kann man das steigende Zinsniveau durchaus als Vertrauensbeweis in die Stärke der US-Wirtschaft lesen.

Zudem klagt die Anlagebranche seit Jahren über das extrem niedrige Zinsniveau - könnte es da nicht Freude auslösen, wenn endlich wieder höhere Zinsen in Sicht sind? Tatsächlich geht mit den steigenden US-Anleiherenditen die Hoffnung einher, dass auch Sparer wieder mehr für festverzinste Geldanlagen wie Festgelder oder Tagesgelder bekommen - zumindest in den Vereinigten Staaten.

Dieser Aspekt erfreut Anleger am Aktienmarkt aber kaum. Im Gegenteil: Wenn die Anlagezinsen steigen, steigert das zugleich die Attraktivität von Kapitalanlagen jenseits der Börse - und sorgt damit für weniger Nachfrage am Aktienmarkt und tendenziell Druck auf die Kurse.

Das ist allerdings nur ein Grund, weshalb sich Börsianer nicht über steigende Renditen bei US-Staatsanleihen freuen können. Gemäß ihre Leitfunktion wirken sich Bewegungen bei diesen Papieren auf vielfältige Weise auf den Finanzmarkt und das Geschehen in der Realwirtschaft aus. Die meisten dieser Auswirkungen werden zumindest aus Sicht der Börse negativ beurteilt, wie die folgende Übersicht zeigt:

An den Zinsen für US-Staatsanleihen orientiert sich das gesamte Zinsniveau in den USA. Das heißt, es steigen auch die Kreditkosten für Unternehmen und Verbraucher sowie die Renditen für Unternehmensanleihen. Damit verschlechtert sich die Finanzierungssituation von "Corporate America", was die Aktien der Unternehmen aus Sicht der Investoren weniger attraktiv erscheinen lässt. Insbesondere die führenden US-Technologiefirmen, die stark zur Börsenhausse der vergangenen Jahre beigetragen haben, gelten als große Profiteure des lang Zeit günstigen Fremdkapitals.

Auf der Verbraucherebene bietet sich das Beispiel der Immobilienkredite an, um mögliche Rückwirkungen auf die Wirtschaft zu verdeutlichen. Verteuern sich Hypothekendarlehen, so sinkt die Nachfrage danach und mithin auch die Nachfrage am Immobilienmarkt. Das wiederum drückt auf die Immobilienpreise und verschlechtert die Geschäftsaussichten der Immobilien- und Baubranche.

Steigende US-Zinsen locken internationales Kapital für Investments in den Dollar-Raum, was - zumindest in der Theorie - zu einem Anstieg des Dollar-Kurses beiträgt. Auf diese Weise verteuern sich US-Güter und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt, was die Geschäftslage exportorientierter US-Konzerne eintrübt.

Umgekehrt steigt allerdings auch die Kaufkraft der US-Amerikaner mit dem Dollar im Ausland. Sie können also verstärkt importieren, auf Reisen gehen sowie im Urlaub shoppen. US-Firmen erhalten zudem auf diesem Wege einen Vorteil bei der Beschaffung von Rohstoffen und anderen Gütern aus dem Ausland.

Zinsen und Inflation, diese beiden Kennzahlen bewegen sich häufig in die gleiche Richtung. Auch gegenwärtig gilt als einer der Gründe für den Anstieg der US-Bond-Rendite der jüngste Anstieg der Rohstoffpreise, der die Erwartung auf höhere Inflationsraten erzeugt. Das verbindende Element ist dabei die US-Notenbank, die auf stärkere Preissteigerungen mit strengerer Geldpolitik, sprich: höheren Zinsen, reagieren dürfte. Diese Aussicht wird am US-Anleihemarkt praktisch bereits vorweggenommen.

Umgekehrt können steigende Zinsen allerdings nicht nur ein Indikator für eine höhere Inflationserwartung sein, sondern vielmehr selbst zum Anstieg der Preissteigerungsraten beitragen. Unternehmen beispielsweise können ihre höheren Finanzierungskosten über höhere Preise an die Kunden weitergeben.

Entscheidend aus Sicht der Börse ist in jedem Fall: Eine höhere Inflation wird dort nicht gern gesehen, denn sie gilt in der Regel als Vorbote vom Ende eines wirtschaftlichen Aufschwungs.

Der Grund, aus dem steigende Renditen am US-Anleihemarkt die Erwartung widerspiegeln, dass die US-Notenbank Fed ihre Zinsen womöglich stärker anzieht als zuvor gedacht, wurde bereits beschrieben. Börsianer verschreckt diese Aussicht auf eine restriktive Geldpolitik nicht nur, weil damit womöglich eine höhere Inflation sowie ein Abkühlen der Konjunktur angezeigt wird. Im schlimmsten Fall besteht stets die Gefahr, dass die Notenbank über das Ziel hinausschießt und die Konjunktur vollends abwürgt.

Vielmehr galt die lockere Geldpolitik von Fed, EZB und Co in den vergangenen Jahren als wichtiger Treiber des Aufschwungs an den Börsen, schlicht, weil damit viel Liquidität in die Finanzmärkte kam, die angelegt werden musste. Damit könnte es nun mehr und mehr ein Ende haben.

Auch die Rückwirkung steigender US-Anleihezinsen auf den amerikanischen Staatshaushalt sollten nicht außer acht gelassen werden. Jeder Prozentpunkt, um den sich die Zinsen nach oben bewegen, verteuert den Schuldendienst der USA. Das dürfte umso schwerer wiegen angesichts der Tatsache, dass die Regierung von US-Präsident Donald Trump gerade eine umfangreiche Steuerreform hinter sich gebracht hat, die den Staatshaushalt ebenfalls belastet.

Dass die USA gegenwärtig gesteigerten Finanzierungsbedarf haben, berichtet in dem Zusammenhang der US-Sender CNBC. Das US-Finanzministerium habe in dieser Woche ein rekordverdächtiges Volumen an zweijährigen, fünfjährigen und siebenjährigen Staatsanleihen auf den Markt gebracht, zitiert der Sender den Leiter des Rentenbereichs der Deutsche Bank Private Wealth Management, Gary Pollack. Das große Angebot an Staatsanleihen trage wesentlich zum Renditeanstieg bei, so Pollack.

Fazit: Grundsätzlich ist es normal, dass im Laufe eines Konjunkturaufschwungs die Zinsen steigen. Die Zentralbank muss auf diese Weise versuchen, das Preisniveau unter Kontrolle zu behalten und eine Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden. Das wissen selbstverständlich auch die Investoren an der Börse.

Dass sie dennoch mit Nervosität und Verkäufen auf den Zinsanstieg reagieren, hat zum Großteil die beschriebenen Gründe. Als zusätzlicher Treiber kommt hinzu, dass von der runden Marke von 3 Prozent, die der Zins für die zehnjährige US-Anleihe in dieser Woche erreichte, eine starke psychologische Wirkung ausgeht. Die Psychologie spielt am Finanzmarkt bekanntlich eine nicht unerhebliche Rolle.

Bei alldem sollte allerdings eins nicht vergessen werden: Die Volkswirtschaft ist weit davon entfernt, eine präzise Wissenschaft zu sein. Sämtliche beschriebenen Zusammenhänge zwischen dem Zinsniveau und dem übrigen Geschehen auf dem Finanzmarkt sowie in der Realwirtschaft existieren zunächst einmal lediglich in der Theorie. Ob die Ursache-Wirkungs-Ketten in der Praxis tatsächlich die erwarteten Folgen hervorrufen, steht in jedem einzelnen Fall auf einem ganz anderen Blatt.

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