Dienstag, 12. Dezember 2017

Razzia in fünf Bundesländern Polizei vor der Kanzlei - Anlegeranwälte im Visier

Polizei im Einsatz: An 15 Orten in fünf Bundeländern durchsuchten diese Woche Einsatzkräfte Büros und Wohnungen von Mitarbeitern einer Anwaltskanzlei aus Jena

Eine Großrazzia gegen eine Anwaltskanzlei, die sich auf Anlegerrecht spezialisiert hat - so etwas gibt es nicht alle Tage. In dieser Woche war es jedoch soweit: Einsatzkräfte in Thüringen, Sachsen, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg rückten aus, um Beweise zu sichern und an wichtige Daten zu kommen. Bei insgesamt 15 Objekten - Büros und Wohnungen - schlugen die Ermittler zu.

Im Fokus dabei: Eine Rechtsanwaltskanzlei in Jena, gegen deren Angehörige die Staatsanwaltschaft Gera schon länger ermittelt. Es bestehe der Verdacht des gewerbsmäßigen Betrugs in Tateinheit mit strafbarer Werbung, teilten die Behörden nach dem Zugriff mit. Mehrere Rechtsanwälte befänden sich unter den Beschuldigten.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung innerhalb der Juristenzunft, die in den vergangenen Jahren rasant vorangeschritten ist: Viele Anwaltskanzleien, die sich das Anlegerrecht auf ihre Fahnen geschrieben haben, wenden bei der Akquisition neuer Klienten sowie bei deren Vertretung inzwischen mitunter Methoden an, bei denen die Frage nach Recht und Unrecht sowie das Wohl der Mandanten nicht immer an erster Stelle zu stehen scheinen.

Begünstigt wurde dieser Trend durch die Finanzkrise 2008, in deren Zuge eine Vielzahl von Kapitalanlagen in Schieflage geraten waren. Stichwort Lehman-Zertifikate, Stichworte auch Schiffsfonds, Medienfonds und viele ähnliche Investmentvehikel mehr.

Blau-weiße Autos vor der Tür

Für die Investoren der betroffenen Anlagen bedeutete das meist Ungemach - und für Anlegeranwälte in ganz Deutschland: paradiesische Zustände. Um die betroffenen Geldanleger möglichst effizient und in großer Zahl erreichen und bedienen zu können, schlagen manche Juristen seither eher unkonventionelle Wege ein: Da werden Massenbriefe versendet, um an neue Kunden zu kommen, Versprechungen gemacht, deren Realitätsgehalt eher zweifelhaft erscheint, und eiligst und in möglichst großer Zahl Klagen bei Gericht eingereicht, die von vornherein kaum Aussicht auf Erfolg zu haben scheinen.

Solchen Anwälten geht es offenbar nicht selten eher darum, Umsätze zu maximieren und einen größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Das Recht des Einzelnen dagegen? Maximal Nebensache.

Das Beispiel aus Jena zeigt, dass auch Juristen dabei die Grenzen von Recht und Gesetz womöglich nicht immer streng beachten: Zwar nannte die Staatsanwaltschaft Gera auch auf Nachfrage nicht den Namen der fraglichen Kanzlei, der die Staatsdiener einen Besuch abstatteten. Vieles spricht jedoch dafür, dass es sich dabei um PWB Rechtsanwälte handelt, eine Anwaltsfirma, über die Fachmedien schon in der Vergangenheit kritisch berichtet hatten, und über die in Fachkreisen kaum jemand ein positives Wort verliert. Vor dem markanten Gebäude namens "Roter Turm" in Jena jedenfalls, in dem die Kanzlei ihren Sitz hat, hatten am Tag der Razzia gleich mehrere blau-weiße Fahrzeuge der Staatsmacht Stellung bezogen.

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