Montag, 10. Dezember 2018

Razzia in fünf Bundesländern Polizei vor der Kanzlei - Anlegeranwälte im Visier

Polizei im Einsatz: An 15 Orten in fünf Bundeländern durchsuchten diese Woche Einsatzkräfte Büros und Wohnungen von Mitarbeitern einer Anwaltskanzlei aus Jena

2. Teil: Laut Gericht betreibt die Kanzlei eine "Gelddruckmaschine" für Anwälte

Der Mitteilung der thüringischen Behörden zufolge sollen die beschuldigten Rechtsanwälte mehrere tausend Kapitalanleger, deren Investments in Schieflage geraten waren, angeschrieben und um ein Mandat gebeten haben. Und das, obwohl es keine oder nur verschwindend geringe Aussichten auf Erfolg gab, so die Behörden. Auch "vermeintlich unabhängige Anlegerschutzvereine" seien in das Vorgehen eingebunden gewesen, heißt es in der Mitteilung weiter.

PWB Rechtsanwälte ließ eine Anfrage von manager magazin online zu der Razzia und den Vorwürfen der Staatsanwälte unbeantwortet. Um welche zweifelhaften Aktivitäten es bei der Kanzlei konkret geht, war jedoch schon im vergangenen Jahr einem Artikel der Zeitschrift "Finanztest" zu entnehmen. So habe die Kanzlei beispielsweise mehrere hundert Geschädigte der insolventen BFI Bank in Prozesse getrieben, obwohl diese von vornherein aussichtslos und die zugrunde liegenden Ansprüche obendrein bereits verjährt waren. Ein Gericht habe PWB vorgehalten, ausschließlich "eine Art 'Gelddruckmaschine" für die Anwälte" zu betreiben, so "Finanztest". Von PWB war auch zu diesen Vorwürfen keine Stellungnahme zu bekommen.

PWB mag ein drastisches Beispiel sein - einen Einzelfall stellt die Kanzlei mit ihren fragwürdigen Methoden jedoch nicht dar: Laut den Behörden sollen an die Kapitalanleger standardisierte Schreiben mit unrichtigen und irreführenden Angaben versandt worden sein. Kenner der Branche wissen: Vergleichbare Briefe versenden auch andere Anwälte, sei es an die leidgeplagten Investoren schiefliegender Schiffsfonds, maroder Immobilienbeteiligungen oder gefloppter New-Energy-Investments.

Mehrere tausend der bereits geschädigten Investoren, so die Vorwürfe weiter, sollen verschiedenen PWB-Anwälten Mandate erteilt haben - und fanden später die entsprechenden Rechnungen in ihrer Post.

Die Hamburger Rechtsanwältin Anja Uelhoff kennt solche Fälle nur zu gut. Schon oft saßen ihr Mandanten gegenüber, die zuvor bereits von mehreren windigen Kollegen Uelhoffs angeschrieben worden waren. Entnervt von den meist leeren Versprechungen der Konkurrenz wenden sich die Mandanten dann an die Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht, die sich bewusst für eine "kleine, aber feine Kanzlei" entschieden hat und auf mögliches Massengeschäft verzichtet.

Einer der zentralen Ausgangspunkte des Problems, so Uelhoff, ist eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs vor einigen Jahren. Die Richter beschlossen seinerzeit, dass ein Investor, der sich an einem geschlossenen Fonds beteiligt hat, berechtigt ist, die Namen und Adressen seiner Mit-Investoren zu erfahren. Was grundsätzlich wie eine sinnvolle Regelung klingt, machen sich Anwälte seither auch für weniger erfreuliche Maßnahmen zu Nutze, so Uelhoff: Sie brauchen nur einen Mandanten aus einem schiefliegenden Fonds - und schon können sie sich Zugriff auf alle anderen verschaffen.

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