Mittwoch, 12. Dezember 2018

Die scheidende CDU-Chefin als Führungsvorbild Was Merkel und Zuckerberg gemeinsam haben

Angela Merkel, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: Prototypen des politischen Unternehmers

Angela Merkel hat in ihrer letzten Amtszeit als Kanzlerin viel Kritik geerntet. Sie kommuniziere schlecht, entscheide zu langsam und zeige Führungsschwäche. Doch viele Kritiker haben bis heute den Wesenskern ihres Führungsstils nicht durchdrungen. In Wahrheit ist die "ewige Kanzlerin" ein Prototyp des politischen Unternehmers im 21. Jahrhundert.

Angela Merkels Leistung in der Politik lässt sich im Grunde nur vergleichen mit der eines Mark Zuckerberg in der Wirtschaft: Beide haben die Zeichen der Zeit so früh erkannt wie keiner ihrer Konkurrenten - und sich anhand grundlegender Prinzipien darauf eingestellt. Merkel wie Facebook haben die Alternativlosigkeit zum Programm gemacht - und zwar bis heute. An Mark Zuckerberg und seinem Unternehmen kommt in der Online-Welt niemand vorbei. Und so ist es in der deutschen Politik mit der Kanzlerin. Auch wenn am Wochenende nach 18 Jahren ein anderer ihren Platz an der CDU-Spitze einnimmt: An Angela Merkel führt bis auf weiteres kein Weg vorbei. Warum ist das so?

Die Kunst, sich selbst alternativlos zu machen

Die Zeiten des beschleunigten Wandels wirken sich sowohl auf Unternehmen als auch auf die Parteien aus. Wie der Kunde so ist auch der Wähler von morgen nicht mehr derselbe wie gestern. Dauerhafte und langfristige Bindungen lösen sich auf. Das führt dazu, dass alteingesessene Parteien und Unternehmen von heute auf morgen vom Markt verdrängt werden können, und völlig neue Akteure die Bühne betreten. Die Wahl von Donald Trump in den USA ist ein Beispiel dafür, ebenso Emmanuel Macron in Frankreich oder die Fünf-Sterne Bewegung in Italien.

Michaela Bürger
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    Michaela Bürger ist Inhaberin der Unternehmens-beratung "Michaela Bürger Consulting". Mit ihrem Team unterstützt sie Dax-Konzerne, den Mittelstand und andere Organisationen bei personalstrategischen Fragen zur Führungskräfteentwicklung sowie der Etablierung neuer Konzepte und Programme für die Talentidentifizierung und Entwicklung.

Auch die Erfolge der "Liste Kurz" in Österreich oder der AfD in Deutschland lassen sich so erklären. Damit folgt die Politik der Entwicklung der Wirtschaft, wo kompromisslos kundenzentrierte Technologieunternehmen wie Facebook oder Google den raschen Niedergang zahlreicher bisheriger Branchengrößen eingeleitet haben.

In Deutschland hat sich die Pluralisierung des ursprünglichen Drei-Parteien-Systems bereits in den 1990er-Jahren abgezeichnet, doch die meisten Politiker, sozialisiert im machtstatischen politischen System der Bonner Republik, haben den Wandel lange Zeit nicht erkannt. Mit Ausnahme von Angela Merkel, die in ihrer scharfen Analytik und Zielorientierung die Grundregeln der Macht unter veränderten Bedingungen besser und schneller durchdrungen hat.

Strategische Meisterleistung

Macht ist nicht nur die Währung der Wirtschaft, sondern auch der Politik: Ohne Macht keine Gestaltungsmöglichkeiten. Machtstreben, Machterwerb, Machtanwendung und Machterhalt waren schon immer die Wesensprinzipien der Politik, wie es der Soziologe Max Weber in seinem Werk "Politik als Beruf" schon vor mehr als 100 Jahren beschrieben hat: Nur mit Macht können Dinge verändert werden. Diese Gestaltungsmacht wiederum ist mit persönlicher Macht in Form politischer Ämter verbunden. Somit ist die Grenze zwischen dem personalisierten und dem sozialisierten Machtmotiv fließend.

Angela Merkel ist es gelungen, die CDU unter den Bedingungen des intensiveren Parteienwettbewerbs so zu platzieren, dass gegen diese Partei keine Regierung gebildet werden konnte. Nach den Regeln der Ökonomischen Theorie der Politik, formuliert vor mehr als 60 Jahren von Anthony Downs, gelingt dies in einer repräsentativen Demokratie durch Maximierung der Wählerstimmen und geschickte Koalitionsbildung. Die Festigung der CDU als strukturell stärkste Partei in der Mitte des politischen Spektrums führte zu der bereits beschriebenen Alternativlosigkeit bei der Koalitionsbildung: Aufgrund der Parteienkonstellation in Deutschland war eine Regierung gegen die Union nicht mehr möglich. Das Ergebnis war der langfristige Machterhalt.

Das damit verbundene Anwachsen an den linken und rechten - nicht koalitionsfähigen - Rändern hat sie in der Konsequenz als Kanzlerin unverzichtbar und vor allem unersetzbar gemacht. Das mag nicht jedem gefallen. Unter den genannten Aspekten der Machtpolitik aber war es eine Meisterleistung.

Die Gemeinsamkeiten von Merkel und Zuckerberg

Max Weber sieht die Qualitäten des Berufspolitikers in der Leidenschaft für die Sache und der Überzeugung und Kraft, auch unpopuläre Entscheidungen verantwortlich durchzusetzen. Dabei gilt es, das nötige Augenmaß, die Realitäten mit innerer Sammlung und in Ruhe auf sich wirken zu lassen, und mit "der Distanz zu Menschen und Dingen" politisch kluge Entscheidungen zu treffen.

Alle diese Eigenschaften finden sich in der Person Angela Merkels vereint, über deren Kompetenz gepaart mit Autonomie bislang all ihre politischen Konkurrenten gestolpert sind. Oder über die eigene Eitelkeit. Dieses Wesensmerkmal ist Max Weber zufolge im Übrigen der größte Feind des Politikers - und geht der Dauerkanzlerin völlig ab. Dies ist interessanter Weise ein weiterer Charakterzug, den Merkel mit Mark Zuckerberg teilt, der bisher ebenfalls von keinem seiner Wettbewerber ernsthaft bedroht wird.

Und noch etwas verbindet die beiden: Merkel ist eine ebenso überzeugte Europäerin wie Zuckerberg ein überzeugter Weltbürger ist. Beide haben aber auch aufgrund ihrer persönlichen Biografien Werte, die ihnen beim Machterhalt im Wege stehen - das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist ebenso vorhanden, wie das Streben nach Distanz.

Polarisierende Persönlichkeiten

Alois Maichel
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    Alois Maichel
    Dr. Alois Maichel ist Unternehmer, Strategieberater, Stiftungsvorstand. Mit Michaela Bürger hat er 2015 das Modell Six Dimension Leader (6D-Leader) zur Messung von Führungseigenschaften in einer digitalen Welt entwickelt und patentiert.

Dies führt bei beiden zu einer Polarisierung: Angela Merkel wird von ihren Anhängern verehrt, von manchen Gegnern aber ebenso leidenschaftlich gehasst. Manche sehen in Zuckerberg den Unternehmertypus der Zukunft, andere verachten ihn und seine unternehmerischen Ideen.

Angela Merkel galt während ihrer politischen Laufbahn stets als überlegt und konservativ, gleichzeitig aber auch als höchst ambitioniert und verantwortungsbewusst. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet die Flüchtlingsströme nach Deutschland 2015 die Erosion ihrer Macht einläuteten. Denn es waren tief in ihren christlichen Überzeugungen verankerte Werte vom "Kirchenasyl" bis zur "Willkommenskultur", die sie in ihrem Handeln und ihren Aussagen geleitet haben.

Vor der Kirche gibt es keine Grenze, keine Kontrolle, keinen Datencheck - man bekommt Einlass aufgrund einer glaubensbasierten Gesinnungsethik, welche die Verantwortungsethik zunächst in den Hintergrund drängt. Menschlichkeit und Nähe standen nun im Vordergrund ihres Wirkens. Damit polarisierte die Kanzlerin und spaltete ihre Wählerschaft. Es entspricht denselben Grundsätzen, dass sie auch im Angesicht dieses Machtverlusts diesen Prinzipien treu blieb und selbst die persönlichsten Angriffe stoisch und standhaft ertrug. Dies zeugt von einer klaren Haltung und einer persönlichen Autorität, der selbst ihre stärksten Kritiker Respekt zollen.

In ihren 18 Jahren als CDU-Vorsitzende hat Angela Merkel die Latte für ihre drei potenziellen Nachfolger hoch gelegt. Jeder der drei favorisierten Kandidaten muss erst noch beweisen, dass er oder sie die von Merkel etablierten Kriterien des erfolgreichen Machterwerbs und -erhalts beherrscht und vor allem in der Lage ist, sie vorzuleben. Egal wer sich am Ende durchsetzt: Angela Merkel ist als Führungsfigur nur schwer zu ersetzen - dafür hat sie mit ihrer Politik der Alternativlosigkeit selbst gesorgt. In Sachen Machtpolitik kann so mancher Topmanager noch viel von ihr lernen.

Michaela Bürger ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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