Donnerstag, 28. Juli 2016

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Neuwahlen und Abenomics Taugt Japan als Vorbild?

Tokio: Wie kommt Japan aus der Überschuldungskrise?

Gelingt Japan der Ausstieg aus Stagnation und Schuldenfalle? Das Schicksal der "Abenomics" wird ein gutes Lehrstück für Europas ökonomische Malaise - im Guten wie im Schlechten.    

Seit dem Start von Abenomics ist Japan wieder weltweit in den Fokus von Finanzmärkten und Volkswirten gerückt. Nach fast drei Jahrzehnten Stagnation war die Hoffnung hoch, dass es Japan endlich gelingt, die Deflation zu überwinden und zu einem nachhaltigen Wachstum zurück zu kehren.

Nicht nur für Japan wären dies gute Nachrichten. Auch für uns in der Eurozone würde Japan zum Vorbild, wie wir eine lange Periode niedrigen Wachstums, stagnierender Einkommen und Deflation verhindern können. Scheitert Japan, wäre es auch eine schlechte Nachricht für Notenbanker und Politiker in der westlichen Welt: Es wäre der Beweis, dass keynesianische Nachfragepolitik in einer überschuldeten Welt mit schrumpfender Bevölkerung nicht funktioniert. Um die Erfolgswahrscheinlichkeit einschätzen zu können, lohnt sich ein Blick in die Geschichte, wie Japan überhaupt in die derzeitige wirtschaftliche Misere abgerutscht ist.

Der Weg in die Krise

In den 1980er Jahren war Japan das Musterbeispiel für wirtschaftlichen Aufstieg. Nach dem Wirtschaftswunder im Anschluss an den zweiten Weltkrieg haben japanische Unternehmen immer mehr Industrien dominiert, so bei Maschinen und Anlagen, Automobilen und Unterhaltungselektronik. Bücher, die das japanische Wirtschaftsmodell erklärten und priesen, waren Bestseller. Der Aufstieg zur führenden Wirtschaftsnation schien nur noch eine Frage der Zeit. In vielerlei war das ähnlich zur heutigen - nachlassenden - Chinaeuphorie. Japans Unternehmen kauften exquisite Kunst und Premiumimmobilien auf der ganzen Welt, vor allem in den USA.

Hinter diesem Aufschwung stand unter anderem die Steuerung der Wirtschaft durch die japanische Regierung und eine unterstützende Geldpolitik. Letztere wurde vor allem nach dem Plaza Accord von 1985 aktiv, als die Regierungen der USA, Deutschlands, Englands, Frankreichs und Japans vereinbarten, den US-Dollar zu schwächen. Um die rezessiven Folgen für die japanische Wirtschaft abzufangen, senkte die japanische Notenbank die Zinsen weiter und legte damit die Grundlage für eine beeindruckende Blase im japanischen Aktien- und Immobilienmarkt. Gerüchteweise soll zum Höhepunkt der Blase die Fläche der kaiserlichen Gärten in Tokyo so viel wert gewesen sein, wie ganz Kalifornien.

Als die Blase dann wie alle Blasen unweigerlich platze, fielen ab 1990 die Vermögenswerte dramatisch, während die Schulden auf dem überhöhten Blasenniveau verharrten. Der Unternehmenssektor und die Banken standen vor einem riesigen Schuldenberg, den sie über die kommenden Jahre und Jahrzehnte - wie sich zeigen würde - abtragen mussten. Um diese Anpassung zu erleichtern, hat die japanische Notenbank über Jahre die Zinsen auf ein Niveau von unter einem Prozent gedrückt. Kritiker halten fest, dass sie hierbei nicht schnell genug vorgegangen ist und auch Quantitative Easing - also den direkten Kauf von Wertpapieren, den die US-Fed in den letzten Jahren sehr aggressiv durchgeführt hat und dessen Erfolg zu recht bezweifelt werden kann - erst im Jahre 2001 und dann auch nur zurückhaltend umsetzte. Trotzdem ist unstrittig, dass die Politik sehr rasch versucht hat, mit tiefen Zinsen, geänderten Bilanzierungsregeln und staatlichen Ausgaben, die Wirtschaft wieder zu beleben.

Verlorene Jahrzehnte

Vor allem die Regierung handelte wie im Lehrbuch von Keynes. Die staatlichen Ausgaben wurden deutlich erhöht. Zugleich war Japan jedoch sehr langsam in der erforderlichen Restrukturierung des Bankensektors. Während die USA im Jahre 2008 den Banken mit dem "Trouble Asset Relief Program" (TARP) massiv unter die Arme griff, scheute Japan vor derartigen Maßnahmen zurück. Ähnlich wie in Europa heute wurden eigentlich insolvente Banken und Unternehmen künstlich am Leben erhalten, in dem man die Zinsen senkte und auf Tilgungen verzichtete. Diese "Zombies" haben die Bereinigung erschwert und zudem auch den Wettbewerb für die relativ gesünderen Unternehmen verzerrt. Für viele Beobachter liegt hierin und in dem Versuch, zu früh das Staatsdefizit durch Steuererhöhungen zu senken, einer der Hauptgründe für die lange Periode wirtschaftlichen Niedergangs.

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