Dienstag, 28. Juni 2016

Draghi öffnet Geldschleusen EZB würde auch Staatsanleihen kaufen

EZB-Tower in Frankfurt: Nach der überraschenden Zinssenkung schraubte die Zentralbank auch ihre Wachstumsprognose für die Euro-Zone für 2014 und 2015 nach unten - und zwar deutlich

Draghi dreht auf: Die EZB senkt den Leitzins und kauft ab Oktober Kredite mit besicherten Wertpapieren sowie Pfandbriefe. Um eine Deflation zu verhindern, würde die Zentralbank sogar noch weiter gehen.

Frankfurt - Mario Draghi greift in den Giftschrank, um den Markt mit mehr Geld zu versorgen und die Konjunktur anzukurbeln - das ist jedenfalls die erhoffte Wirkung der angekündigten Beschlüsse vom Donnerstag.

Wie der EZB-Chef bekanntgab, will die Zentralbank ab Oktober mit Krediten besicherte Wertpapiere (ABS) kaufen. Zum selben Zeitpunkt sollen zudem sogenannte "gedeckte Anleihen" (Covered Bonds) erworben werden. Dazu gehören etwa Pfandbriefe.

Zuvor hatte die Notenbank ihre Leitzinsen in einem überraschenden Schritt auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt. Der Beschluss dazu fiel nicht einstimmig aus, teilte die EZB mit. Ob die Bundesbank dagegen war, blieb zunächst offen. Die europäischen Börsen legten jedenfalls deutlich zu, Dax Börsen-Chart zeigen und EuroStoxx 50 Börsen-Chart zeigen verbuchten kräftige Gewinne.

Der Schlüsselsatz für die Versorgung der Banken mit Zentralbankgeld lag erst seit Juni bei 0,15 Prozent. Den Einlagesatz, zu dem Banken bei der EZB kurzfristig Geld parken können, senkte die EZB auf minus 0,2 von minus 0,1 Prozent. Der Satz, den die Institute bezahlen müssen, wenn sie Geld kurzfristig bei ihr ausleihen, kappten die Währungshüter auf 0,3 von 0,4 Prozent.

EZB hält sich Tür für großes Wertpapierkaufprogramm offen

Angesichts wachsender Deflationsrisiken hält die EZB auch die Tür für massive Wertpapierankäufe weiter offen. Sollte eine zu lange Phase niedriger Inflation drohen, sei der EZB-Rat zu weiteren unkonventionellen Maßnahmen entschlossen, sagte Notenbankchef Mario Draghi am Donnerstagnachmittag vor der Presse in Frankfurt. Ein solches unkonventionelles Vorgehen - im Fachjargon Quantitative Easing genannt - dient als letztes Mittel, um eine Deflation zu verhindern.

Hierzu könnte die EZB laut Draghi beispielsweise öffentliche Schuldtitel wie etwa Staatsanleihen oder auch private Papiere in großem Stil aufkaufen. Auch ein Programm zum Ankauf beider Wertpapierarten sei möglich, betonte Draghi. Mit entsprechenden Käufen hatten bereits die Notenbanken der USA, Japans und Großbritanniens ihre Wirtschaft nach der Finanzkrise wieder angekurbelt. Auf breiter Front fallende Preise gelten als besonders gefährlich, weil eine solche Deflationsspirale die Konjunktur auf Dauer abwürgen kann. Zuletzt betrug die Inflationsrate in der Euro-Zone nur noch 0,3 Prozent.

Der Zinsschritt war nur von einer Minderheit der Ökonomen erwartet worden. Entsprechend deutlich fiel die Reaktion am Finanzmarkt aus. Der Kurs des Euro Börsen-Chart zeigen fiel auf deutlich unter 1,30 Dollar, so tief wie seit mehr als 14 Monaten nicht mehr. Am Anleihenmarkt zogen die Renditen an, ebenfalls bergauf ging es am Frankfurter Aktienmarkt für den deutschen Leitindex Dax.

Carsten Brzeski, Ökonom bei der niederländischen Großbank ING, zeigte sich völlig überrascht: "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen?"

Zentralbank senkt ihre Wachstumsprognose für Euro-Raum deutlich

Draghi hatte vor der Entscheidung der EZB selbst die Erwartung an den Finanzmärkten auf den Einsatz neuer geldpolitischer Instrumente geschürt. Beim jährlichen Zentralbanker-Treffen in Jackson Hole in den USA hatte er Mitte August erklärt, die EZB werde "alle verfügbaren Instrumente" einsetzen, um zu verhindern, dass die Euro-Länder in eine Spirale fallender Preise, sinkender Löhne und nachlassender Investitionen gerät.

Ihre Wachstumsprognose für den Euro-Raum für dieses und das kommende Jahr korrigierte die EZB nach unten, wie Draghi mitteilte. 2014 rechnet die Zentralbank demnach nur noch mit einem Plus von 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Bislang war sie von einem Wachstum von 1,0 Prozent ausgegangen. Auch für 2015 senkte sie ihre Prognose, die bislang bei einem Plus von 1,7 Prozent lag.

la/reuters/dpa

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