Montag, 27. Juni 2016

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Solarstrom billiger als Atom Das blaue Wunder

Solarpark: Die Einspeisevergütung für Strom aus größeren Solarkraftwerken in Deutschland ist im Oktober auf unter zehn Cent pro Kilowattstunde gesunken

Im Herbst sinken die Solarstrom-Subventionen unter zehn Cent pro Kilowattstunde. Damit ist Elektrizität aus Fotovoltaik erstmals günstiger als aus neuen Atomkraftwerken - vor wenigen Jahren galt das als ausgeschlossen. Für Energiekonzerne wie Eon und RWE wird eine Horrorvorstellung Realität.

Hamburg - Vincent De Rivaz, England-Chef des französischen Stromriesen EDF, wittert in Großbritannien ein gigantisches Geschäft. Vier neue Atomreaktoren mit einer Leistung von zusammen 6400 Megawatt will der Versorger im Königreich errichten. Die Briten lechzen nach neuen Kraftwerken. Viele sind in einem erbärmlichen Zustand.

Der Haken an dem möglichen Deal mit den Franzosen: Er ist teuer. EDF fordert einen Garantiepreis von gut 11,5 Cent für jede eingespeiste Kilowattstunde - über 35 Jahre, zuzüglich eines Inflationsausgleichs. Unterm Strich winken EDF damit Einnahmen in Höhe von 166 Milliarden Euro, hat die Unternehmensberatung CF Partners errechnet. Der britische Energieminister feilscht im Namen der Stromkunden um einen etwas günstigeren Preis.

"Wir wollen einen angemessenen Profit", verteidigt De Rivaz seine Position und verweist auf die Klimafreundlichkeit seiner Anlagen: "Schließlich sind wir Weltverbesserer."

Weltverbesserer? Solche Worte kamen in den vergangenen Jahren eher Solarpark-Betreibern über die Lippen, um Subventionen abzugreifen. Doch der EDF-Vorstoß zeigt: Die Sonnenstrom-Firmen sind nicht mehr der Bittsteller Nummer Eins in der Energiebranche.

Weiterhin attraktive Solarrenditen

Tatsächlich verzeichnet ausgerechnet die als teuer und ineffizient gescholtene Elektrizität aus Fotovoltaikanlagen derartige Preisrückgänge, dass sie jetzt auch in Mitteleuropa günstiger ist als Atomenergie aus neuen Kraftwerken. Auf 10,9 Cent pro Kilowattstunde taxiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Kosten für Atomstrom. "Aufgrund technischer Unwägbarkeiten und steigender Sicherheitsanforderungen" seien die Kosten für Atomstrom zuletzt explodiert.

Dagegen sinkt die Einspeisevergütung für Strom aus größeren Solarkraftwerken in Deutschland im Oktober auf unter zehn Cent pro Kilowattstunde, wie die Bundesnetzagentur in der vergangenen Woche bekannt gegeben hat. Zu diesen Konditionen sind laut Experten aber immer noch Gewinne möglich - dank der gesunkenen Investitionskosten.

"Auch bei einer Vergütung von unter zehn Cent ist eine Rendite von 4 bis 4,5 Prozent möglich", sagt Erneuerbare-Energien-Expertin Simone Löfgen von der Commerzbank. Auf die gesunkenen Kosten für Solaranlagen verweist auch Finanzierungsexperte Joe Salvatore vom US-amerikanischen Analysehaus Bloomberg New Energy Finance: "Der starke Wettbewerb in Deutschland ermöglicht weiterhin neue Projekte, weil er die Renditeerwartungen gesenkt hat." Schlüsselfertige Anlagen würden teilweise zum Kampfpreis von 80 Cent pro Watt angeboten.

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