Sonntag, 30. April 2017

Gehobene Geldanlage Deutsche Millionäre auf der Flucht

Wohlhabende Klientel: Neben vielen Topanlageberatern wechseln auch reiche Kunden von Banken zu unabhängigen Vermögensverwaltern

Unter dem steigenden Kostendruck der Banken leidet vielfach deren Beratung vermögender Kunden. Topanlageberater flüchten deshalb bereits in Scharen zu freien Vermögensverwaltern. Und noch schlimmer für die Geldhäuser: Ein Großteil der reichen Klientel folgt ihnen dorthin.

Hamburg - "Es war absehbar, dass ich immer weniger Entscheidungen im Sinne meiner Kunden treffen könnte", sagt Mathias Werner. "Die Vorgaben sollten strenger werden, die Provisionen eine zunehmend größere Rolle spielen."

Mehr als 20 Jahre lang war Werner in verschiedenen Funktionen im Kapitalanlagebereich der HSH Nordbank tätig. Bis zum Frühjahr dieses Jahres leitete er die Vermögensverwaltung der Bank in Hamburg - dann schmiss er hin. Werner kehrte der Bankenwelt den Rücken und stieg stattdessen als Senior Partner beim Vermögensverwalter Deutsche Wertpapiertreuhand mit Hauptsitz in Herzogenaurach ein. Seinen ehemaligen Stellvertreter bei der HSH, Holger Ziemer, nahm er gleich mit.

Ein Seitenwechsel, wie er immer häufiger vorkommt. Landauf landab räumen mehr und mehr frustrierte Anlageberater bei Banken und Sparkassen ihre Schreibtische, um in der freien Vermögensverwaltung neu zu starten.

Die V-Bank beobachtet das Phänomen schon länger. Die Bank fungiert bundesweit als Abwicklungspartner für Vermögensverwalter und hat als einer der größten Player einen guten Überblick über den Gesamtmarkt. Ihren Zahlen zufolge wechselten alleine 2012 insgesamt 250 Berater von Geldinstituten zu unabhängigen Assetmanagern. 2011 hatten bereits 350 den Sprung gewagt.

Banken in der Kostenfalle

Zur Orientierung: Bundesweit gibt es laut V-Bank etwa 4000 bis 5000 Berater im Private Banking der Geldhäuser, die jeweils mehr als die kritische Summe von 30 Millionen Euro an Kundenvermögen verwalten.

Die Gründe für die Wechselwut der Geldanlageprofis kennt Jens Hagemann, Vorstandsprecher der V-Bank, nur zu gut. "Vertriebsdruck, Umstrukturierungen in der Bankenwelt sowie kritisches Hinterfragen des bisherigen Geschäftsmodells durch die Kunden", zählt er auf. "Gerade gestandene Bankberater, die ihr Handwerk von der Pike auf gelernt haben, wollen ihren Kunden nicht einfach Produkte verkaufen, sondern sich möglichst ein Leben lang um diese kümmern."

Erkenntnisse der Boston Consulting Group (BCG) untermauern Hagemanns Einschätzung. Immer mehr Regulierung und steigende Eigenkapitalvorgaben setzen die Banken unter enormen Kostendruck, so die Consultants. Ihrer Erhebung zufolge stieg beispielsweise die Zahl der regulatorischen Änderungen im Bankensektor weltweit von 35 im Jahr 2008 auf etwa 60 im Jahr 2011 - pro Tag.

Die Folge: Die veränderten Rahmenbedingungen drücken auf die Rentabilität der Banken. Die Institute müssen effizienter arbeiten, sprich: sparen, optimieren, Erträge steigern. "Viele Banken haben in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Kostenapparat aufgebaut, der sie jetzt vor Probleme stellt", sagt ein Branchenkenner. "Es bleiben nur zwei Wege: Entweder die Margen werden vergrößert, oder die Kosten gesenkt."

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