23.01.2013
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Gesundheitsreport
Trügerische Sicherheit

Von Lutz Reiche, Berlin

Volles Wartezimmer: Daniel Karaa ist Landarzt im brandenburgischen Briesen. Viele seiner Kollegen zieht es in die Stadt, die Folge ist ein Ärztemangel in strukturschwachen Regionen
DPA

Volles Wartezimmer: Daniel Karaa ist Landarzt im brandenburgischen Briesen. Viele seiner Kollegen zieht es in die Stadt, die Folge ist ein Ärztemangel in strukturschwachen Regionen

Patienten klagen über lange Wartezeiten und Zeitmangel der Ärzte, Mediziner klagen über zu hohe Arbeitsbelastung. In Krankenhäusern und strukturschwachen Regionen spitzt sich die Lage zu. Insgesamt aber steigt die Zufriedenheit mit dem System - genau das halten Experten für ein Problem.

Berlin - Das Bild hätte es vermutlich in die "Tagesschau" geschafft: Im brandenburgischen Rathenow harrten vergangene Woche 250 Menschen in einer Schlange stundenlang in der Kälte aus - nicht vor einer Suppenküche oder auf der Jagd nach Schnäppchenpreisen. Sie warteten auf einen Termin bei der neuen Augenärztin. Die zwei anderen Fachkollegen der 26.000 Einwohner zählenden Stadt hatten es bislang offenbar nicht geschafft, alle Patienten zu versorgen.

Der Ärztemangel vor allem in sozial schwachen Gebieten und auf dem Land ist nicht neu. Einzelne Kommunen versuchen gegenzusteuern, etwa über bundesweite Stellenanzeigen. Oder indem sie versuchen, kraft des neuen Versorgungsstrukturgesetzes stärker Einfluss auf die Bedarfsplanung und Niederlassung der Ärzte nehmen. Berlin zum Beispiel will so die höchst ungleiche Verteilung von Fachärzten in den Griff bekommen.

Ob sich der viel zitierte Mangel beseitigen lässt? Die Ärzte selbst haben Zweifel und ihre Sorge wächst, dass in einer alternden Gesellschaft Patienten in Deutschland zusehends nicht mehr wohnortnah und bedarfsgerecht versorgt werden können.

In einer repräsentativen Allensbach-Umfrage für den Vorsorgespezialisten MLP beklagen 56 Prozent der Mediziner (2010: 46) bereits einen deutschlandweiten Ärztemangel. Knapp drei Viertel der Ärzte befürchten, dass sich die Situation in den kommenden Jahren verschärfen wird.

Ärzte in Kleinstädten fürchten erhebliche Nachfolgeprobleme

"Der Ärztemangel spitzt sich insbesondere in den strukturschwachen Gebieten zu", unterstreicht Allensbach-Chefin Renate Köcher am Mittwoch bei der Vorstellung des "MLP-Gesundheitsreport". Demnach berichten 58 Prozent der niedergelassenen Ärzte aus Städten und Regionen unter 100.000 Einwohnern, dass es bei ihnen vor Ort bereits zu wenig Ärzte gibt. 2010 war es lediglich knapp jeder Dritte, der zunehmende Probleme mit der ambulanten Versorgung äußerte.

Niedergelassene Ärzte in den bevölkerungsarmen Regionen haben auch wenig Hoffnung, ihre Praxis einmal an einen Nachfolger übergeben zu können. Fast drei Viertel (72 Prozent) der Mediziner schätzen dieses Unterfangen als "schwierig" oder "sehr schwierig" ein.

In den Ballungsräumen und Großstädten ist die Sorge, keinen Praxisnachfolger zu finden, dagegen deutlich weniger verbreitet (24 Prozent).

Die "Lücken" der ärztlichen Versorgung dürften insbesondere auf dem Land und in Kleinstädten wachsen, sind Köcher und MLP-Chef Uwe Schroeder-Wildberg überzeugt. Der praktizierende Arzt auf dem Land wird zur aussterbenden Spezies, warnen auch kassenärztliche Vereinigungen. Nachwuchsärzte wollten lieber in Ballungszentren, angestellt, in Teilzeit und mit verlässlichen Vertretungsregeln statt selbstständig arbeiten. Zumindest wollten sie die Arbeit und das wirtschaftliche Risiko der Selbstständigkeit teilen, heißt es. Gemeinschaftspraxen auf dem Land werfen in der Regel aber zu wenig ab, um mehrere Parteien zu ernähren.

Was tun? Will die Regierung die teils drastische ärztliche Unterversorgung in strukturschwachen Regionen effektiv bekämpfen, wird sie stärkere Anreize setzen müssen - "auch monetäre", sagt Schroeder-Wildberg.

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