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18.12.2012
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Geld anlegen - und überleben
Die Kakerlaken-Strategie

Von Mark Böschen

Trader an der NYSE: Selten waren die Zeiten am Finanzmarkt gefährlicher
AFP

Trader an der NYSE: Selten waren die Zeiten am Finanzmarkt gefährlicher

Sie sind 350 Millionen Jahre alt und haben drei erdgeschichtliche Katastrophen überlebt. Nun will Finanzprofi Dylan Grice Investoren für die "Kakerlaken-Strategie" begeistern. "Auf Überlebensfähigkeit und Robustheit kommt es an", sagt Grice - denn selten waren die Zeiten am Markt so gefährlich wie heute.

Hamburg - Drei Jahre lang hat der Analyst Dylan Grice bei der Bank Société Générale in London gearbeitet - im Team eines für seine pessimistischen Prognosen für den Finanzmarkt berühmten Anlagestrategen Albert Edwards. Nachdem er also drei Jahre lang die Kunden auf die "neue Eiszeit" eingestimmt hat, die Edwards erwartet, verlässt Grice die Bank, um künftig selbst für Kunden Geld zu investieren.

In der letzten Folge seines Analyse-Briefs "Popular Delusions" verrät Grice, an welchem Vorbild er seine Anlagestrategie ausrichten wird: Kakerlaken.

Die mitunter gar nicht so kleinen braunen Krabbeltiere haben völlig zu Unrecht eine schlechte Presse, sagt Grice: "Fossilien zeigen, dass Kakerlaken mindestens 350 Millionen Jahre alt sind, nicht erst 50.000 Jahre wie wir Menschen. Sie haben drei erdgeschichtliche Katastrophen überlebt, bei denen jeweils mehr als drei Viertel aller Arten ausstarben. Und auf Überlebensfähigkeit und Robustheit kommt es an."

Schließlich waren die Zeiten am Finanzmarkt selten so gefährlich wie heute. Mit Aktien konnten Anleger in den vergangenen zehn Jahren zwei Mal mehr als 50 Prozent Ihres Vermögens verlieren, so schwer waren die Börseneinbrüche. Auch Anleihen sind keine sichere Alternative: Auch mit Anleihen hätten Investoren auf Sicht von zwölf Monaten fast die Hälfte ihres Vermögens verloren, Anfang der 1980er Jahre.

Wer Turbulenzen ausblendet, dem droht das Dinosaurier-Schicksal

Nur weil sich viele Anleger nicht mehr an diese Börsenphase vor 30 Jahren erinnern, gelten festverzinslichen Papiere wie Firmenbonds heute als so sicher, dass Investoren oft schon für magere zwei Prozent Rendite zugreifen. Was sich als schwerer Fehler herausstellen könnte, wenn wieder eine Marktphase kommt wie vor drei Dekaden.

Wer die Marktgeschichte ignoriert und sich nicht auf die immer wieder auftretenden turbulenten Zeiten einstellt, dessen Geld droht ein ähnliches Schicksal wie den Dinosauriern. Wegen der großen Verlustrisiken brauchen Anleger ein robustes Portfolio, folgert Grice und schwärmt von seinem großen, kleinen Vorbild: "Kakerlaken können 45 Minuten ohne Sauerstoff überstehen und das 15-fache an radioaktiver Strahlung aushalten als wir Menschen." Vor allem aber folgen Kakerlaken einer sehr einfachen, robusten Strategie: Sie bewegen sich entgegen der Richtung des Windes, der ihnen Signale von nahenden Feinden zuträgt."

Das Insekt braucht also nicht viel Informationen und erst recht keine Prognosen oder Pläne, um zu überleben. Ein großer Vorteil, denn Vorhersagen und Pläne stellen sich oft als falsch und fehlgeleitet heraus - wenn es zu spät ist.

Bewegen entgegen der Windrichtung

Die Menschen sind ebenfalls nicht in der Lage vorherzusagen, ob in den kommenden Jahren die Preise fallen oder steigen. Grice empfiehlt daher eine äußerst einfache Strategie zur Aufteilung des Vermögens. Ein Viertel in Aktien, ein Viertel in Gold, ein Viertel in Staatsanleihen und ein Viertel in bar auf dem Bankkonto. Diese Kakerlaken-Strategie hätte im Rückblick seit 1971 auf Sicht von zwölf Monaten einen maximalen Verlust von 25 Prozent gehabt - deutlich besser als die fast 50 Prozent bei Anleihen und teils mehr als 50 Prozent Verlust bei Aktien.

Dabei wäre die Rendite nicht zu verachten gewesen: Inflationsbereinigt hätte die Kakerlaken-Strategie 5 Prozent Plus pro Jahr eingebracht. Staatsanleihen schafften nur 4 Prozent, trotz einer schon dreißig Jahre anhaltenden Phase steigender Kurse und sinkender Zinsen. Mit Aktien hätten Investoren 5,5 Prozent verdient, aber zwischenzeitlich eben extreme Einbußen aushalten müssen.

Das ist allerdings nur eine rückwärtsgewandte Berechnung für die vergangenen 40 Jahre. Wie es den neuen Kunden von Dylan Grice mit ihrem Geld ergeht, wird man sehen. Sein ehemaliger Kollege Albert Edwards ließ es jedenfalls nicht nehmen, in seinem jüngsten Strategie-Rundbrief an die Kunden das Schicksal des deutsch-amerikanischen Finanzberaters James Amburn zu erwähnen. Der 56-Jährige wurde 2009 beim Betreten seines Hauses niedergeschlagen, gefesselt und entführt.

Die Täter waren eine Gruppe von Rentnern, die mit Hilfe von Amburn in Florida Immobilien gekauft und damit ihr Geld verloren hatten. Erst nach mehreren Tagen, in denen er geschlagen und mit dem Tode bedroht wurde, konnte ein 40-köpfiges Einsatzkommando den Finanzberater befreien. "Hoffentlich wird unseren früheren Kollegen Dylan nicht ein solches Schicksal treffen", schreibt Edwards.

Es kann vermutlich nicht schaden, als Vermögensverwalter auch privat von den Kakerlaken zu lernen und stets gegen den Wind zu laufen - und nach verärgerten Kunden Ausschau zu halten.

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