Wealth Managementmanager magazin RSS  - Wealth Management

Alle Artikel und Hintergründe


12.10.2012
Twitter GooglePlus Facebook

Reichtumsforschung
"Geld ist Macht - so einfach ist das"

Von Marcus Klöckner

Demonstrant vor der Europäischen Zentralbank: Ärger über die ungerechte Verteilung des Vermögens
picture alliance / dpa

Demonstrant vor der Europäischen Zentralbank: Ärger über die ungerechte Verteilung des Vermögens

Die Superreichen Deutschlands machen nur einen minimalen Anteil an der Bevölkerung aus, die überwältigende Mehrheit der Gesellschaft starrt auf sie. Reichen-Kritiker Hans-Jürgen Krysmanski über die neue Klassengesellschaft, geheime Zirkel - und seine Angst vor Konflikten.

mm: Herr Krysmanski, Sie sprechen in ihrem Buch über die Geldelite, also von Reichen und Superreichen. Wann gehört jemand zu den Superreichen?

Krysmanski: Es gibt eine klassische Definition der Superreichen, die der US-amerikanische Journalist und Reichtumsforscher Ferdinand Lundberg einmal aufstellte: Zu den Superreichen gehören die, die absolut sicher sein können, ihr Vermögen nicht zu verlieren, auch wenn die Welt um sie zusammenbricht.

mm: Lässt sich das in Geldsummen fassen?

Krysmanski: Für das internationale Wealth Management beginnt der Superreichtum heute bei 300 bis 500 Millionen Dollar. Das ist auch die Geldbesitzregion, in welcher der luxuriöseste Konsumwunsch uninteressant wird und Geld erst seine wirkliche Macht ungehindert entfalten kann.

mm: Warum soll uns als Gesellschaft der Reichtum der Anderen überhaupt interessieren?

Krysmanski: Die Superreichen verkörpern in unserer Gesellschaft, in welcher laut Verfassung alle die gleichen Chancen haben sollen, das Glück, das letzte Aufstiegsziel. Wir wissen, dass das illusionär ist, dass die da oben nicht unbedingt glücklicher sind als wir. Und dennoch ist Reichtum ein Traumziel, um das sich fast alles dreht.

mm: Ist dann nicht Neid natürlicher Teil unserer Gesellschaft und sie ihr eigenes Risiko?

Krysmanski: Diese Fixierung auf Geld, auf viel Geld, trägt eigentlich zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Wenn aber das mit den gleichen Chancen, mit der Verteilung nicht mehr so stimmt; wenn die Reichen sich abschirmen, sich in ihre Privatheit zurückziehen, während der Hartz-IV-Empfänger sein letztes Sparbuch offenlegen muss - dann wird das Interesse am Reichtum der anderen erst recht geschürt, dann kommt es zu sozialen Konflikten.

mm: Sie betrachten die 0,1 Prozent der Superreichen kritisch. Sie sprechen von einer "ungeheuren" und "unkontrollierten" Macht. Was hat es mit der Macht der Superreichen auf sich?

Krysmanski: Geld ist Macht - so einfach ist das. Und Macht, die nicht kontrolliert wird, erzeugt Ohnmacht bei allen anderen. Und wir können alle sehen, dass Reichtum ab einer gewissen Höhe sich gar nicht mehr kontrollieren lässt. Er ist zu verzweigt, zu international, zu transnational angelegt. Insofern entsteht mit dem Superreichtum eine völlig losgelöste und zu allem fähige soziale Schicht im Zentrum der Gesellschaft, um die sich alles dreht. Hier lassen sich dann weitere Gruppen und Schichten benennen, welche der Geldmacht zuarbeiten oder von ihr abhängen. Der junge Marx schrieb einmal, wer reich ist, "kann sich die geistreichen Leute kaufen, und wer die Macht über die Geistreichen hat, ist der nicht geistreicher als der Geistreiche?"

mm: Andere Länder wie die USA scheinen doch entspannter mit dem Thema Reichtum umzugehen. Warum werden Reiche und Superreiche in Deutschland eher kritisch beäugt?

Krysmanski: Das stimmt so nicht. In den USA wird inzwischen viel kritischer mit dem Superreichtum umgegangen als bei uns. Das Wort von der Plutokratie macht die Runde, und zwar in seriösen Blättern wie der "New York Times". Mehr noch: Bill Moyers, Publizist und ehemaliger Regierungssprecher, produziert Sendungen unter Titeln wie 'Die schamlosen Plutokraten'. Robert Reich, ehemaliger Arbeitsminister unter Clinton zieht am gleichen Strang. Paul Krugman, Nobelpreisträger und Leitartikler der New York Times, spricht von der Herrschaft der 0,01 Prozent durch die 0,01 Prozent für die 0,01 Prozent.

mm: Sie meinen, wir gehen zu zahm mit den Superreichen hierzulande um?

Krysmanski: In Deutschland dagegen werden selbst diejenigen aber, die im Jahr pro Familie 600 Millionen Euro Dividende einstreichen, als ein harmloses, teils spießiges, teils irgendwelchen Luxushobbies wie Pferdesport oder Oldtimer-Sammeln frönendes Völkchen verkauft.

mm: Wer viel hat, zahlt in Deutschland auch viel Steuern. Was spricht für eine oftmals geforderte zusätzliche Vermögensabgabe?

Krysmanski: Nur eine Information zur allgemeinen Steuermoral dieser Schicht: Nach einer Untersuchung des seriösen Tax Justice Network haben die Reichen der Welt Finanzvermögen von 21 bis 32 Billionen Dollar in Steueroasen gebunkert. Das entspricht mehr als dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der USA. Der Leiter dieser Studie, ein früherer Chefvolkswirt der Unternehmensberatung McKinsey, bezeichnet die dem Fiskus entzogenen Privatvermögen als 'großes schwarzes Loch in der Weltwirtschaft'. Und nur wer sich teure Berater und Rechtsanwälte leisten kann, findet auch alle legalen Steuerschlupflöcher.

mm: Gut, dann brauchen wir auch nicht weiter über solch eine Abgabe nachzudenken.

Krysmanski: Ich halte von einer Vermögensabgabe, wie sie jetzt angedacht wird, nicht viel. Da kämen nur Peanuts mit Placebo-Effekt zusammen. Viel interessanter wäre das eine öffentliche Diskussion über Deckelung von Reichtum: Wo ist die obere Grenze für Vermögen, bevor die Sache unsozial, zerstörerisch, gesellschaftlich sinnlos, gefährlich für alle Beteiligten wird - auch für die Superreichen selbst.

Zur Startseite
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • deli.cio.us
  • Pinterest

Weitere Artikel zu Diesem Thema

Überschuldung
Schuldenfalle schnappt bei jedem Zehnten zu
"Global Wealth"-Studie
Wo die meisten Millionäre wohnen
Geldanlage
"Lieber Regeln als Prognosen"
Vermögensaufbau
Reich nach Plan - trotz Euro-Krise

© manager magazin online 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH



Hintergründe, Artikel, Fakten

finden Sie auf den Themenseiten zu ...

Zur Person

  • Copyright: Hans-Jürgen Krysmanski
    Hans-Jürgen Krysmanski
    Hans-Jürgen Krysmanski ist emeritierter Professor für Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Krysmanski erforscht seit Jahren die Reichen und Mächtigen und deren Netzwerke.

Buchtipp

Hans-Jürgen Krysmanski
0,1%

Das Imperium der Milliardäre

Westend, 240 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

Jetzt kaufen








Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Seminarmarkt: Tanken Sie Karrierewissen Seminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug? GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?
Handytarife: Finden Sie den passenden Tarif Handytarifvergleich:
Finden Sie den passenden Tarif
Handytarife: Finden Sie den passenden Tarif Tablet Tarifvergleich:
Surfen Sie günstiger