Mittwoch, 29. März 2017

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Reichtumsforschung "Geld ist Macht - so einfach ist das"

Demonstrant vor der Europäischen Zentralbank: Ärger über die ungerechte Verteilung des Vermögens
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Demonstrant vor der Europäischen Zentralbank: Ärger über die ungerechte Verteilung des Vermögens

2. Teil: Ultimativer Reichtum will ultimative Privatheit

mm: Die Superreichen sind oft auch philantropisch unterwegs. Sie spenden und gründen Stiftungen. Das ist doch eine gute Sache?

Krysmanski: Philanthropie bleibt rein mengenmäßig - gegenüber etwa den öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur - ein verschwindend kleiner Prozentsatz, selbst in den USA. Hier will der Schwanz mit dem Hund wedeln - wenig privates Geld will viel öffentliches Geld bewegen. Das gilt auch für die meisten Stiftungen. Dazu wäre aber noch viel zu sagen.

mm: Eliten treffen sich gerne in abgeschotteten Clubs und Zirkeln. Können Sie Beispiele für Elitenetzwerke auf höchster Ebene nennen?

Krysmanski: Ultimativer Reichtum will ultimative Privatheit, man will unter sich bleiben - zugleich aber auch den privilegierten Kontakt zur Politik, Kultur, Wirtschaft haben. So entstehen Netzwerke, Zirkel, Clubs, manche sind sehr langlebig, manche flüchtige Erscheinungen. Ein weites Feld, erforschenswert, wenn man nicht immer nur die gleichen Namen wie etwa die Bilderberg-Gruppe, Davos oder Bohemian Grove hören will. All diese Zirkel offenbaren, dass es zum Teil richtige höfische Strukturen gibt.

mm: Abgesehen davon, dass ein Teil dieser genannten Netzwerke teils absurde Verschwörungstheorien über sie anstacheln: Worin besteht der Wert von Elitezirkeln für ihre Mitglieder?

Krysmanski: Der Wert besteht in dem, was wir Soziologen die 'querverbindliche Kommunikation' nennen, der Kontakt von 'Hofstaat' zu 'Hofstaat' sozusagen. Das ist auch ein Aspekt der Globalisierung dieser Schicht. Man glaubt es kaum, wie weit und mit wem auch unsere scheinbar so bodenständigen deutschen Superreichen in der Welt herumkommen.

mm: Innerhalb der sogenannten "Elite" gibt es riesige Unterschiede. Wie sehen die unterschiedlichen Ebenen der Elite-Hierarchie aus?

Krysmanski: Mit dem Begriff der Elite würde ich vorsichtig sein. Für meine Zwecke spreche ich lieber von den Superreichen und dem 'Rest' der 99,9 Prozent.

mm: Was stört Sie an dem Begriff "Elite"?

Krysmanski: Den Begriff einer Elite-Hierarchie würde ich für das Dienstpersonal aufsparen, also für die Rangskala der Verwertungs-, Verteilungs-, Wissens-, Kultur- und Wohlfühleliten. Auch da gibt es natürlich enorme Vermögensunterschiede. Aber der Sprung in die eigentliche Superklasse ist schwierig.

mm: Wenn bereits die Unterschiede zwischen den Eliten so groß sind, wie bewerten Sie dann erst die Unterschiede zwischen dem "Geldadel" und der normalen Mittelschicht?

Krysmanski: Schauen Sie doch nur nach Amerika: Die Kluft zwischen großem Kapital, Stichwort: Wall Street und kleinem Eigentum, Stichwort: Main Street, ist inzwischen unüberbrückbar; aber eben nicht nur in Amerika. Man braucht einander nicht mehr. Die Mittelschicht wird fallen gelassen.

mm: Der US-amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs schreibt in diesem Zusammenhang: "Amerika ist unzivilisiert geworden"

Krysmanski: Ja, und "es ist die große Scheidung", sagt der konservative David Brooks: Nicht einmal das Wort 'Klasse' fängt ein, was passiert. "Man kann sagen, dass das Land sich gabelförmig in verschiedene soziale Stämme geteilt hat und dass nur noch eine schwache gemeinsame Kultur sie verbindet." Auch bei uns beginnt ja gerade eine interessante Diskussion um das Schicksal der Mittelschicht.

mm: Realistisch betrachtet: Wie wird die angesprochene Entwicklung der Geldelite weitergehen?

Krysmanski: Unter der Geldelite dieses Planeten bilden sich Haupt- und Nebenstämme. Eine Entwicklung, die sich schon jetzt vollzieht. Sie müssen verstehen, dass die Schicht der Superreichen weltweit nur wenige tausend Personen und Familien umfasst und ein globales, eine kosmopolitisches Phänomen ist. Alles Geld wird zu diesen Milliardären hingezogen wie in ein schwarzes Loch.

mm: Eigentlich sind Sie neidisch, oder?

Krysmanski: Diese Geldelite verselbständigt sich, sie beginnt im wahrsten Sinne des Wortes, auf eigene Faust mit Söldner-Armeen, privaten Polizei- und Geheimdiensten zu operieren. Klimawandel, Ressourcenprobleme und wachsende, unumkehrbare Arbeitslosigkeit deuten auf ein kommendes globales Szenario nackter Überlebenskämpfe. Für eine solche Rette-sich-wer-kann-Welt glauben sich die Geldeliten gut gerüstet. Vor diesem Hintergrund werden sich neue und neuartige Klassenkonflikte entwickeln. Und wir alle werden letztlich nicht umhin kommen, an diesen Konflikten teilzunehmen.

Marcus Klöckner

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