Mittwoch, 20. September 2017

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Schuldenkrise "Wir haben die Griechen gepäppelt und verwöhnt"

Proteste in Athen: "Hellas will die EU-Hilfen, wie bisher, dafür einsetzen, Löhne und Pensionen zu zahlen. Es geht nur um Geld, Geld, Geld - und das möglichst schnell"

Wachstumskritiker Meinhard Miegel fordert die Griechen auf, wieder so bescheiden zu leben wie vor dem EU-Beitritt ihres Landes. Auch mit weiteren Finanzspritzen könne das Land kein höheres Wirtschaftswachstum stemmen.

mm: Herr Miegel, die Kanzlerin steht mit ihrem Sparkurs für Europa bald allein auf weiter Flur, die meisten EU-Regierungschefs wollen Krisenländern wie Griechenland mit zusätzlichen EU-Geldern und Wachstumsprogrammen wieder auf die Beine helfen. Können die Griechen mit einem zusätzlichen Investitionspaket die Kehrtwende schaffen und ihre Wirtschaft auf Wachstumskurs bringen?

Miegel: Die Griechen glauben doch selbst nicht daran, dass ihr Land bald wieder aus eigener Kraft wachsen kann. Sie wollen die EU-Hilfen, wie bisher, dafür einsetzen, Löhne und Pensionen zu zahlen, die weit über ihrem Produktivitätsniveau liegen. Es geht in der aktuellen Debatte nur um Geld, Geld, Geld - und das möglichst schnell. Die Kernfragen, wie und was da eigentlich wachsen soll in Griechenland, und ob ein solches Wachstum überhaupt sinnvoll ist, werden vollkommen ausgeblendet.

mm: Die EU-Regierungschefs scheinen eine Art Marshall-Plan mit zusätzlichen Anleihen und Investitionsförderung für die Krisenstaaten im Sinn zu haben.

Miegel: Seit mehr als dreißig Jahren versuchen Industrienationen, das aus ihrer Sicht zu niedrige Wirtschaftswachstum mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen anzukurbeln. Das hat uns direkt in die aktuelle Finanzkrise geführt. Besser wäre es zu akzeptieren, dass die Zeit des Wirtschaftswachstums für die Industrieländer vorbei ist - die demographische Entwicklung und die Ressourcenknappheit lassen allenfalls Stagnation zu, wahrscheinlicher einen Schrumpfungsprozess. Statt den vorhandenen Wohlstand effizienter einzusetzen, stürzen sich die Regierungen in ein halsbrecherisches Rettungsabenteuer nach dem anderen, um auf Biegen und Brechen Wachstum zu erzeugen.

mm: Aber was ist die Alternative? Ohne Wachstum können die Griechen ihre Schulden nie zurückzahlen.

Miegel: Wo soll dieses Wachstum herkommen, was soll da genau wachsen? Die Griechen bekommen schon seit ihrem EU-Beitritt Investitionshilfen und hängen finanziell am Tropf des Nordens. Das Geld, das über Jahrzehnte ins Land geflossen ist, hat bisher nicht geholfen - warum sollte das jetzt anders sein? Noch mehr Autobahnen und Flughäfen bringen auch kein Wachstum. Griechenland ist mit dem EU-Beitritt in eine Wirtschaftszone einbezogen worden, in die es nicht hineinpasst. Mit Käse, Tomaten und Oliven kann man keine moderne Volkswirtschaft betreiben. Kleingewerbe und Textilindustrie sind wie in vielen anderen Ländern durch die Globalisierung unwiederbringlich kaputtgegangen. Industrielle Strukturen, qualifiziertes Personal, all das fehlt.

mm: Also müsste in diese Bereiche investiert werden?

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