Montag, 23. Oktober 2017

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Fondsdebakel Geldnot gefährdet deutsche Handelsschifffahrt

Containerschiffe, Tanker, Bulker: Das ist die deutsche Handelsflotte
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dpa

Mit Milliardeninvestments brachten Schiffsfonds die deutsche Handelsflotte über Jahre an die Weltspitze. Die Marktkrise und merkwürdige Usancen der Branche vergraulen jetzt jedoch die Anleger. Banken drehen den Geldhahn zu - die deutsche Schifffahrt fürchtet um ihre Topposition.

Hamburg - Das Geschäft mit Schiffsfonds treibt mitunter skurrile Blüten. So zum Beispiel beim Fonds MS "Lehmann Forester" vom Hamburger Elbe Emissionshaus (EEH). Rund 150 Anleger steckten Ende 2007, Anfang 2008 insgesamt knapp sechs Millionen Euro in die Beteiligungsgesellschaft. Sie investierten damit in ein "sehr flexibel einsetzbares, marktgerechtes Mehrzweck-Containerschiff mit hydraulischen Lukendeckeln, Bugstrahlruder sowie 60 Kühlcontaineranschlüssen", wie der Verkaufsprospekt anpries. Jährliche Ausschüttungen von anfangs 8 Prozent der Einlage, ansteigend auf bis zu 15 Prozent waren geplant.

Soweit die Theorie. Inzwischen ist die Fondsgesellschaft seit Mitte 2010 pleite, einerseits wegen der Schifffahrtskrise, in die sie vom Start weg geriet, andererseits aber auch, weil eine Reihe von Schäden und Mängeln am Schiff wertvolle Zeit und Geld kosteten.

Wirklich bemerkenswert ist der Fall aber aus einem anderen Grund: Einem inzwischen angefertigten Gutachten zufolge führte die Beschreibung des Frachters im Emissionsprospekt die Anleger womöglich erheblich in die Irre. Der Sachverständige listet gleich eine ganze Reihe von Punkten auf, in denen der Ist-Zustand des Schiffes vom beschriebenen Soll abweicht.

Der wichtigste Satz in dem Gutachten, das manager magazin Online vorliegt, lautet wohl: Das MS "Lehmann Forester" sei "als Containerschiff bei der vorhandenen Ausrüstung ungeeignet". In den Laderäumen fänden sich keinerlei Einbauten für die Containerstauung. Zudem seien bestimmte Stellplätze gar nicht nutzbar, weshalb die im Prospekt aufgeführte Staumöglichkeit von 468 Containern (im Jargon: TEU) "rein theoretisch" sei, so der Gutachter.

60 Anleger wollen gemeinsam klagen

Überspitzt formuliert heißt das womöglich: Was den Anlegern als hochmodernes Containerschiff verkauft wurde, war gar kein richtiges. Den Vorwurf weist EEH-Geschäftsführer Christian Büttner zwar "energisch zurück". Der Emissionsprospekt sei unter anderem anhand eines Gutachtens eines vereidigten Schiffssachverständigen erstellt worden, schreibt er an manager magazin Online. "Die technischen Details sowie Beschreibungen des Schiffes insbesondere die über die Tragfähigkeiten sowie Beladungsmöglichkeiten wurden dort entnommen." Das Schiff sei zudem von seinen Charterern "ohne Hinweise auf mögliche Einschränkungen der Beladungsmöglichkeiten eingesetzt worden".

Die Anleger dürfte das jedoch kaum besänftigen, sie haben mit dem Fonds MS "Lehmann Forester" ihre Sechs-Millionen-Euro-Einlage komplett verloren. 8,7 Millionen Euro zahlte die Fondsgesellschaft einst für das Schiff - nach der Pleite brachte die Versteigerung lediglich drei Millionen Euro ein, wie der Insolvenzverwalter bestätigt. Das Geld jedoch wurde komplett an die Volksbank Kehdingen überwiesen, die dem Fonds einst ein Darlehen in Höhe von gut 4,5 Millionen Euro gegeben hatte - für die Investoren war nichts mehr übrig.

Deren letzte Hoffnung ruht nun auf dem Rechtsweg. Rund 60 Anleger wollen nach Informationen von manager magazin Online im März eine gemeinsame Klage beim Landgericht Hamburg einreichen. Der Streitwert: mehr als 2,7 Millionen Euro. Eine ähnliche Klage eines institutionellen Beteiligten am Lehmann-Forester-Fonds über 1,5 Millionen Euro ist dort bereits anhängig. "Angesichts der erheblichen Mängel des Schiffes, die in dem aktuellen Gutachten detailliert aufgeführt werden, sehe ich eklatante Prospektfehler und daher gute Erfolgsaussichten vor Gericht", sagt Rechtsanwalt Peter Hahn von der Kanzlei Hahn Rechtsanwälte, der die Anleger vertritt.

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den aktuellen Zustand einer Branche, die jahrelang großen Anteil am Aufstieg der deutschen Handelsschifffahrt an die Weltspitze hatte. Über geschlossene Fonds wie jenen von EEH flossen Milliardensummen in die maritime Wirtschaft. Reedereien, Banken, Fondsemittenten und nicht zuletzt auch Finanzvertriebe verdienten viel Geld daran. Und der Staat stand Pate, indem er den Anlegern zunächst üppige steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten einräumte und seit einigen Jahren die niedrige, pauschale Gewinnbesteuerung per Tonnagesteuer ermöglicht.

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