Dienstag, 28. Juni 2016

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Schifffahrt in der Krise Anleger sollen für Milliardendesaster zahlen

Containerschiffe, Tanker, Bulker: Das ist die deutsche Handelsflotte
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dpa

Die Schifffahrtskrise ist zurück und tausende Anleger müssen bald wieder Milliarden aufbringen, um schiefliegende Fonds zu stützen. Den "Shipping Select 25" von HCI Capital etwa. Das Beispiel zeigt, in welch ungeahnten Kanälen mitunter Anlegergelder bei Schiffsbeteiligungen verschwinden.

Hamburg - Tausende Anleger von Schiffsfonds werden demnächst wieder unangenehme Post bekommen. Darin werden sie aufgefordert, zusätzliches Geld in ihre Beteiligungsgesellschaften zu zahlen. Andernfalls, so die Perspektive, dürfte den Fonds das Aus drohen. Dann wäre das bereits eingezahlte Geld der Investoren wohl komplett weg.

Grund dafür ist die Entwicklung an den Schifffahrtsmärkten, an denen sich die Krise mit erhöhter Wucht zurückgemeldet hat. Schon 2009, im Zuge der Weltwirtschaftskrise, erlebte vor allem die Containerschifffahrt eine der schlimmsten Schwächephasen seit Jahren. Die Charterraten rauschten ebenso abwärts wie die Schiffspreise. Hunderte Frachter lagen beschäftigungslos in den Häfen, hunderte Schiffsfonds gerieten in Not. Nur mit Hilfe frischer Anlegergelder konnten viele von ihnen am Leben gehalten werden.

Jetzt ist es wieder soweit, und zwar nicht nur bei Containerschiffen, sondern auch bei Massengutfrachtern sowie bei Tankern: Nach einer zwischenzeitigen Erholung liegen die Märkte erneut am Boden. Der viel beachtete Baltic Dry Index etwa, der die Verschiffungskosten im Massengutgeschäft aufzeigt, verlor seit Dezember 2011 mehr als 60 Prozent auf deutlich weniger als 700 Punkte, den tiefsten Stand seit der Lehman-Pleite 2008.

"Die Unsicherheiten um die Weltkonjunktur, eine zu große Zahl neuer Schiffe sowie der Preiskampf zweier der weltgrößten Linienreedereien, nämlich Maersk und MSC, haben die Krise zurückgebracht", sagt Burkhard Lemper, Experte vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen.

Die Folge: Die Charterraten haben in vielen Bereichen schon wieder ein so niedriges Niveau erreicht, dass die Zahlung von Betriebskosten sowie die Tilgung von Krediten schwer fällt. Von Ausschüttungen an Fondsanleger ganz zu schweigen.

"Bei dem Fonds wird es krachen"

Im Gegenteil: Wieder sind es die Investoren, die die betroffenen Fonds mit frischem Geld retten sollen. Nach Angaben von Thomas Mattheis, Experte von der auf Schiffsfonds spezialisierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft TPW, arbeiten Reedereien, Emissionshäuser und Banken im Hintergrund gegenwärtig bereits an Rettungskonzepten für zahlreiche Beteiligungsgesellschaften. Waren in der Krise 2009 noch etwa 400 bis 600 Fondssanierungen nötig, so dürfte die Zahl diesmal auf bis zu 800 steigen, sagte der Fachmann kürzlich in einer Presserunde. Bei einem zusätzlichen Liquiditätsbedarf von 1 bis 2 Millionen Euro pro Fonds würde die Branche demnach in den kommenden Monaten insgesamt bis zu 1,6 Milliarden Euro frisches Eigenkapital benötigen.

Zu den betroffenen Fonds zählt auch der "Shipping Select XXV" vom börsennotierten Hamburger Emissionshaus HCI Capital Börsen-Chart zeigen, einem der großen Player in dem Geschäft. Der Fonds, der in vier Massengutfrachter, so genannte Bulker, investiert hat, wurde Ende 2007 platziert. 48 Millionen Euro zahlten rund 1000 Privatanleger ein, knapp 90 Millionen Euro steuerte die HSH Nordbank in Form von Schiffskrediten bei.

In einem Rundschreiben wurden die Investoren kürzlich bereits informiert, dass Ausschüttungen derzeit nicht möglich sind. Es habe sich ein Liquiditätsengpass ergeben, zu dessen Überbrückung "aktuell Finanzierungsmaßnahmen erarbeitet" würden. Im Klartext heißt das: Die Anleger sollen demnächst Geld nachschießen. Oder, wie Thomas Lippert vom Aktionsbund Aktiver Anlegerschutz (AAA) es formuliert: "Bei dem Fonds wird es bald krachen."

Es wäre vielleicht das heftigste, beileibe aber nicht das erste Mal. Ein genauer Blick zeigt: Was nun droht, wäre für den Shipping Select XXV lediglich der unschöne Höhepunkt einer ohnehin verkorksten Fondshistorie. Vom unvorteilhaften Marktverlauf über offensichtliches Missmanagement bis hin zu fragwürdigen Vorgängen am Rande der Seriosität - die Anleger dieses Dachfonds haben beinahe alles erlebt, was dieses Beteiligungsgenre an Auswüchsen zu bieten hat. Beobachtern zufolge ist der Fonds damit zwar ein besonders krasser, längst jedoch kein Einzelfall.

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