Dienstag, 27. Juni 2017

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Geldanlage Die Weisheit der Masse

Menschenmenge: Die Masse soll auch in Gelddingen zu klugen Entscheidungen fähig sein

Anlegen wie alle anderen, wie die breite Masse - das kann erfolgreich sein, behaupten die Anbieter der entsprechenden Produkte. Investoren können über eine Plattform abstimmen, welche Aktien in den Fonds kommen: Doch auch ein Kollektiv-Portfolio muss erst einmal eine "kritische Masse" erreichen.

Die breite Masse, die Lemminge - die Begrifflichkeiten sind nicht gerade positiv besetzt. Es sei denn, man heißt James Surowiecki und schreibt ein Buch über diese Massen. Und kommt zu dem Ergebnis, dass große Menschengruppen gar nicht so dumpf ist, wie gern behauptet wird. Sondern viel klüger.

Surowiecki spricht von der "Wisdom of Crowds", der Weisheit der Massen. Inzwischen scheint man das Buch auch in der Finanzbranche gelesen zu haben. Dazu gehört auch Michael Thaler.

Thaler hat für den Fonds "Investtor" ein Finanzprodukt aufgebaut, das auf den Erkenntnissen Surowieckis beruht. Dazu nutzt er eine Internetplattform. Dort können die Anleger abstimmen, welche Aktien in den Fonds kommen. "Das setzte natürlich erst einmal eine entsprechende Programmierarbeit voraus, um dieses Multiple-Choice-Verfahren überhaupt anbieten zu können", so Thaler.

Vor dem gleichen Problem standen auch Corvin Schmoller und seine Online-Plattform "intelligent recommendations". Auch er sammelt die Meinung seiner Nutzer und fügt sie zu einem Musterportfolio zusammen. "Wir führen die Nutzer eng durch die Befragung und geben ihnen auch die Möglichkeit, ihre Entscheidungen zu gewichten." Indem sein System die Abgabe der Empfehlung begrenzt, soll verhindert werden, dass einzelne Nutzer zuviel Einfluss auf die kollektive Entscheidung haben. Mittelfristig will Schmoller das Konzept auch in einen Fonds gießen.

Die Theorie gibt beiden Recht. "Der Schlüssel zu dieser Theorie liegt darin, zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen sie funktioniert, was dann auch enthüllt, wann das nicht der Fall ist", sagt Michael Mauboussin, der bei der amerikanischen Fondsgesellschaft Legg Mason als oberster Investmentstratege arbeitet. "Die wichtigste Voraussetzung ist Diversität."

Es muss also, vereinfacht gesagt, deutliche Unterschiede zwischen den Meinungen geben, um aus ihnen für die Anlage einen repräsentativen Schnitt errechnen zu können. Ist das nicht der Fall, würden die Märkte ineffizient werden, so Mauboussin.

Und aus "Wisdom" werde "Whim", aus der Weisheit werde der Wahnsinn der vielen, zugespitzt übersetzt. Soweit die Theorie - und in der Praxis?

Kritische Masse noch nicht erreicht

Der Investtor-Fonds verlor im laufenden Jahr rund 0,4 Prozent an Wert, während der Weltindex MSCI World um die Null pendelte. Und Schmollers vom Musterportfolio abgeleitete Stockpicker-Partizipationsmodell "Aktien international" büßte etwas unter 2 Prozent ein. Nach Kosten. Das kann verschiedene Gründe haben - zum Beispiel der Tatsache, dass die Mitgliederzahlen noch nicht die kritische Masse erreicht haben, um die oben skizzierten Effekte eintreten.

Der "Investtor-Fonds" hat ein Volumen von 1,6 Millionen Euro, bei "intelligent recommendations" sind über 3000 Mitglieder gemeldet. Profiinvestoren geben neuen Systemen oder Ansätzen daher auch im Schnitt drei Jahre Zeit, bevor sie investieren - erst in dieser Zeit beweist sich ein Ansatz. Immerhin, in der Zeit von Januar 2009 bis Dezember 2010 entwickelte sich das Stockpicker-Partizipationsmodell "Aktien international" deutlich besser als der MSCI Welt.

Vielleicht bringt es die Natur so einer Plattform aber auch mit sich, dass sich dort sowieso nur börsengeneigte Menschen anmelden - und es damit an der Unterschiedlichkeit der Ansichten fehlt, die Mauboussin als Voraussetzung der Funktionstüchtigkeit so betont.

Dafür spräche, dass das System bei populäreren Themen zu funktionieren scheint: Unter "Hollywood Stock Exchange" können Mitglieder die Erfolgsaussichten eines neuen Kinofilms bewerten. Und hatten in der Vergangenheit nur eine Fehlerquote von 8 Prozent.

Martin Spann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Passau, hat die Prognosen für 152 Filme untersucht. "Die Voraussagen waren sehr gut." Nämlich doppelt so gut wie die Experten-Prognosen im US-Fachmagazin 'Box Office Report'. Wenn es an der Börse nur auch so einfach wäre.

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