Sonntag, 28. August 2016

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Dax-Geflüster Finanzaufseher geißeln ETFs

Börsenhandel in New York: FSB warnt vor ETFs
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Börsenhandel in New York: FSB warnt vor ETFs

Die Mode der Saison an der Börse sind passive Investments, die Exchange Traded Funds. Doch nun warnt das Financial Stability Board vor genau jenen Anlagen. Eine berechtigte Warnung, doch bei vielen deutschen Privatanlegern dürfte sie auf taube Ohren stoßen.

Hamburg - Das hat gesessen. Das Financial Stability Board (FSB) hat deutliche Bedenken über den wachsenden Einfluss der Exchange Traded Funds angemeldet. Das FSB ist nicht irgendwer, sondern eine internationale Behörde, der Italiens Notenbankchef Mario Draghi vorsteht. Dieses Institut schreibt nun, die Produkte könnten "neue Arten von Risiken generieren, mit Blick auf die Komplexität und relative Undurchsichtigkeit der neuesten ETF-Entwicklungen".

Des Branchenjargons entkleidet heißt das, dass ETF möglicherweise ebensoviel Unheil stiften können wie verbriefte Immobilienkredite. Also fort mit dieser Modewelle - obwohl in Deutschland bereits gut 119 Milliarden Euro in diesen Produkten stecken und es täglich mehr werden. Deutschland ist ETF-Europameister. Und allein das Dax-ETF von Blackrock, einem der Großanbieter, bündelt 6,9 Milliarden Euro.

Doch auch das FSB räumt ein, es ginge nicht um die Produkte, die Dax Börsen-Chart zeigen & Co abbilden, sondern vor allem um jene Neuentwicklungen, die findige Finanzingenieure am Reißbrett entwickeln.

Gehebelte ETF etwa, die einen Index ebenso abbilden wie ihre einfach konstruierten Vorgänger - nur eben im Verhältnis 1 zu 2. Steigt der Dax zum Beispiel um 1 Prozent, sind es beim entsprechenden ETF 2 Prozent. Und umgekehrt. Auch Short-ETF gehören dazu. Mit denen können Anleger auf fallende Kurse wetten.

Die Liste dürfte sich fast beliebig fortsetzen lassen, zumal die Beliebtheit dieser Produkte steigt. So verwalten gehebelte Produkte weltweit inzwischen über 20 Milliarden Dollar, ergibt eine Studie von Blackrock. Dieses Segment ist die ideale Spielweise für jene Unternehmen, die neu hinzukommen und auch etwas vom wachsenden Markt anhaben wollen. Am Ende des ersten Quartals 2010 gab es weltweit 123 Anbieter von ETF, heute sind es 148. "Opak" urteilt das FSB; ein anderes Wort für schwer zu durchschauen.

Kein transparentes Produkt

Auch innerhalb der Branche haben einige Experten Bauchschmerzen mit dieser Entwicklung. "Es macht keinen Sinn, zugespitzte Produkte zu verkaufen", sagte zum Beispiel Dirk Klee, auf einer Verbandsveranstaltung nahe Frankfurt vor wenigen Monaten. Klee ist bei Blackrock Asset Management Deutschland Vorstandsvorsitzender und damit für die IShares-ETF zuständig. Sein Tadel bezieht sich auf immer öfter aufzuspürende Spielarten dieser Anlagegattung, gehebelte oder Short-ETF zum Beispiel. "Das passt nicht zum Charakter der ETF als einfaches und transparentes Produkt". Das räumt in gewisser Weise auch die Gesellschaften ein, die solche Produkte verkaufen: "Gehebelte- und Short-Produkte (...) werden von institutionellen, sowie sehr versierten Privatanlegern mit umfangreichem Fachwissen gehalten", sagt zum Beispiel Nigel Longley, Sales Director Deutschland bei ETF Securities. "Sie verstehen die Risiken und die Funktionsweise der Produkte und nutzen diese vielfach um ihr Portfolio zu diversifizieren. Grundsätzlich empfehlen wir Privatanlegern, sich vor dem Kauf solcher Produkte professionell beraten zu lassen."

Es geht dem FSB aber auch noch um etwas anderes. Denn anstelle eine Index wirklich nachzubauen - replizieren heißt es im Fachjargon - bieten immer mehr Unternehmen synthetische Indexprodukte an. Was sich wie ein Begriff aus der Textilwirtschaft liest, besagt nichts anderes, als dass der ETF-Anbieter nicht die Aktien des Indexes kauft, den er eigentlich kopieren will, sondern ganz andere, zum Beispiel kasachische Ölförderer. Deren Erträge tauscht er dann zum Beispiel mit einer Bank gegen jene des Dax - im Imponiervokabular, er tätigt damit einen Swap. Genau diese Konstruktion geißelt das FSB, denn sie berge einige Gefahren für den Anleger.

Immerhin gehört jene Bank, die als Tauschpartner bereit steht, oftmals zum Verbund des ETF-Anbieters. Und ginge sie pleite, träfe das auch den ETF-Anleger, so das Papier der FSB. Außerdem könnte auch die Liquidität zum Thema werden. Immerhin sollen ETF stetig handelbar sein. Doch was ist, wenn es zu einer Krise zum Beispiel in den Emerging Markets kommt, traditionell eher engen Märkten - schaffen auch dann die ETF-Anleger den Ausstieg, fragt das FSB. Und was ist mit der umgekehrten Richtung; welchen Einfluss hat zum Beispiel der ETF-Handel auf den Wert des zugrundeliegenden Index oder Edelmetalls? Immerhin steigt der Anteil, den der Handel mit ETF im Vergleich zum Aktienhandel ausmacht, stetig. Ende 2008 waren es 3 Prozent, jetzt sind es 5 Prozent. Schlussfolgerung FSB: "Weitere Untersuchungen würden hilfreich sein."

Dem deutschen Privatanleger dürfte das alles nur allzu bekannt vorkommen. Erst waren Aktien das Gebot der Stunde - doch spätestens das Bersten der TMT-Blase vergällte ihm dem Spaß an der Aktie. Auch die nächste Modewelle hat er mitgemacht, die Investmentfonds. Sie sollten durch breite Streuung auf zum Beispeil 50 Aktien das Börsenrisiko senken. Doch über zehn Jahre hat der deutsche Anleger mit internationalen Aktienfonds im Schnitt fast 11 Prozent verloren, rechnet der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) vor. Unter anderem, weil so ein Fonds auch noch die Gebühren für den Fondsmanager erwirtschaften muss. Die preisgünstigen ETF erschienen da wie eine perfekte Lösung. Und nun soll das alles nicht mehr stimmen?

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