Mittwoch, 24. August 2016

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Inflationsforscher Brachinger "Inflationsraten um 4 Prozent realistisch"

Reicht das Taschengeld? Auch Obst und Gemüse werden immer teurer
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Reicht das Taschengeld? Auch Obst und Gemüse werden immer teurer

Hans Wolfgang Brachinger erwartet künftig eine starke Geldentwertung. Im Gespräch erklärt der Inflationsexperte, warum viele Menschen das Gefühl haben, die Preise stiegen viel schneller als offiziell angegeben. Und weshalb eine restriktive Zentralbank machtlos ist, wenn selbst Bademäntel teurer werden.

mm: Herr Professor Brachinger, der Ölpreis steigt, auch andere Rohstoffe werden immer teurer. Weltweit ziehen die Lebensmittelpreise an, ebenso wie in Schwellenländern die Löhne. Und jetzt lässt die Atomdiskussion auch noch den Strompreis nach oben springen. Gibt es überhaupt noch ein Entrinnen vor einer bevorstehenden dramatischen Inflation hierzulande?

Brachinger: Ich glaube nicht. Die Leute müssen sich darauf einstellen, dass das Preisniveau allgemein in den nächsten Jahren deutlich höher liegen wird, als man das in den vergangenen ein, zwei Jahren gewohnt war.

mm: An welche Größenordnung denken Sie?

Brachinger: Ich halte Inflationsraten um 4 Prozent für realistisch.

mm: Was ist aus Ihrer Sicht der Haupttreiber dieser Entwicklung?

Brachinger: Die aktuelle Problemlage wird deutlich, wenn Sie den Warenkorb, der zur Berechnung der Inflation genutzt wird, aufteilen, in den Teil der Güter, die am häufigsten gekauft werden, und jenen Teil der Güter, die am seltensten gekauft werden. Oft gekauft werden zum Beispiel Lebensmittel, Benzin, Energie und ähnliche. Die treiben die Preise zurzeit stark nach oben. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Lebensmittel zum Beispiel, weil die Nachfrage steigt und gleichzeitig das Angebot verknappt wird. Denken Sie nur an die Ernteausfälle in Russland oder die Brände in Australien.

mm: Und die selten gekauften Güter?

Brachinger: Dazu gehören zum Beispiel Fernseher, PCs, Flugreisen oder auch Bademäntel. Die selten gekauften Güter sind über Jahre hinweg permanent billiger geworden. Die Inflationsrate ist dort seit Jahren im negativen Bereich, seit 2008 durchschnittlich bei minus ein Prozent.

mm: Was doch erfreulich ist.

Brachinger: Ja, natürlich. Im amtlichen Index, wo alle Güter in einen Topf geworfen werden, haben die Preissenkungen bei den selten gekauften Gütern immer einen erheblich dämpfenden Einfluss auf die Preissteigerungen bei den häufig gekauften Gütern gehabt. Dieser dämpfende Effekt wird in Zukunft entfallen.

mm: Warum?

Brachinger: Weil in der Zukunft auch die selten gekauften Güter im Preis steigen werden. Sie werden die Preisentwicklung nicht mehr dämpfen, sondern zusätzlich antreiben. Der Index wird sozusagen an allen Fronten steigen.

mm: Der Grund findet sich vermutlich bei den steigenden Rohstoffpreisen.

Brachinger: Richtig. Nehmen Sie zum Beispiel die seltenen Erden, ein wichtiger Rohstoff für Handy, PCs und andere elektronische Geräte. Das werden die Chinesen, die über den größten Teil der weltweiten Vorkommen verfügen, einfach nicht mehr so billig hergeben wie bisher. Oder Bademäntel, da steckt Baumwolle drin, die ebenfalls immer teurer wird. Hinzu kommt, dass die Arbeiter in Schwellenländern wie China oder Pakistan nicht mehr bereit sind zu Niedrigstlöhnen zu arbeiten.

mm: Als Gegenmittel empfiehlt das Lehrbuch den Dreh an der Zinsschraube, den die Europäische Zentralbank (EZB) für Anfang April ja auch schon avisiert hat. Große Zinsschritte sind aber wohl kaum zu erwarten, schon allein wegen der nach wie vor wackligen Situation in den Euro-Peripheriestaaten nicht. Welche Chancen hat die Zentralbank, die Inflation langfristig einzudämmen?

Brachinger: Ich glaube nicht, dass sie viel ausrichten kann. Die Zentralbank macht die Preise ja nicht. Sie wird sicher versuchen Einfluss zu nehmen. Aber wenn die EZB an der Zinsschraube dreht, interessiert das die Chinesen herzlich wenig. Und schließlich wollen die Zentralbanker auch die Konjunktur nicht abwürgen.

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