Dienstag, 27. Juni 2017

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Warnung vor Euphorie "Dax unter 4000 Punkten"

Viel zu tun in Deutschland: Einige Experten denken inzwischen sogar über Vollbeschäftigung nach

Deutschlands Wirtschaft erholt sich kräftig, und  die Bundesrepublik steht auch im internationalen Vergleich gut da. Jetzt warnen Börsenexperten vor Euphorie - und fürchten gar einen deutlichen Rücksetzer des Dax, dem zentralen Aktienindex der deutschen Wirtschaft. 

Hamburg - Wie wichtig ein Stimmungsbild für die Zukunft sein kann, musste auch Michael Offer erfahren. Offer war bis vor wenigen Tagen Sprecher des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble. War - denn am 5. November war Schäubles Stimmung offenbar so schlecht, dass er Offer für einen vermeintlichen Fehler vor versammelter Journalistenschar so sehr brüskierte, dass der daraufhin den Betel hinwarf. Schlechte Stimmung, sie kann also erhebliche Verwerfungen nach sich ziehen. Ganz genau wie gute Stimmung. Und wie im Kleinen, so im Großen.

Beispiel Deutschland. Dort wird mit dem Ifo-Index regelmäßig die Stimmung in der deutschen Wirtschaft abgefragt, von immerhin 7000 Entscheidern. Und eben jene Stimmung steigt stetig. So kletterte der Ifo-Geschäftsklimaindex im Oktober von 106,8 auf 107,6 Punkte. Und damit so hoch wie zuletzt im Mai 2007 - also vor der Krise. "Der Konjunkturmotor läuft stabil und rund", urteilte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn bei der Vorstellung der Zahlen. "Das ist eine super Zahl", sagte auch Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank. Sie zeige, "dass die Konjunktur weiter hochgeht. Ich würde nie gegen den Ifo wetten, der Ifo hat meistens recht gehabt."

Das gleiche Bild bei den Konjunkturschätzungen der fünf Weisen. Die deutsche Wirtschaft werde nach ihrer Ansicht - im aktuellen Herbstgutachten niedergeschrieben - um 3,7 Prozent wachsen und im nächsten um 2,2 Prozent. Dazu trage die Belebung der Binnennachfrage bei, aber auch die "weiterhin lebhaften Exportaktivitäten aufgrund einer hohen Wettbewerbsfähigkeit inländischer Produkte und eines günstigen wirtschaftlichen Umfelds vor allem in den Schwellenländern". Das liest sich schon fast wie Euphorie. Und auch jenseits der deutschen Staatsgrenzen gibt es etwas wie eine positive Stimmung mit Blick auf Berlin.

Noch vor wenigen Jahren wurde Deutschland als kranker Mann Europas belächelt. Ein sperriges Arbeitsrecht, hohe Arbeitslosenzahlen, geringes Wachstum - wie glänzte dazu im Vergleich "Cool Britannia" mit seinen boomenden und stahlschimmernden Finanzindustrie. Heute strotzt Deutschland vor lauter Kraft und Großbritannien hat sich verkühlt. In Amerika gilt Deutschland seit Monaten als so etwas wie das neue "Wunderkind". Weil es nicht so sehr auf Pump gelebt hat wie die USA, weil es eine drohende Entlassungswelle mit der Kurzarbeit zumindest in Teilen abgefedert hat, weil es sich nicht nur auf den heimischen Kunden konzentriert. Und aus Frankreich hieß es vor wenigen Monaten, Deutschland möge doch bitte seine Exportüberschüsse drosseln, damit andere nicht so schwach dastünden. Neid, Bewunderung, Euphorie, all diese Ausprägungen menschlicher Gefühle zeigen eines - man traut Deutschland einiges zu. Und Deutschland sich selbst auch.

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