Dienstag, 18. September 2018

Ölpest "BP wird die Krise überleben"

Katastrophe am Golf: Seit dem 20. April, dem Tag der Explosion der dann später auch gesunkenen Ölplattform "Deepwater Horizon", strömt Öl nahezu ungehindert ins Meer und gelangt an die Küsten der Anrainerstaaten. Mittlerweile sind alle US-Bundesstaaten von der Ölpest betroffen. Bislang hat BP mehr als drei Milliarden Dollar zu Bewältigung der Katastrophe aufgebracht.

Die Ölpest kann BP bis zu 60 Milliarden Dollar kosten, rechnen Analysten vor. Kein Wunder, dass Gerüchte über eine Zerschlagung oder feindliche Übernahme die Runde machen. Doch die Experten stimmen in den Abgesang nicht ein. Im Gegenteil: Mit Glück könnte BP die Krise sogar aus eigener Kraft bewältigen.

Hamburg - Der Riese BP schwankt seit Monaten, aber er stürzt nicht. Und so mancher Beobachter zweifelt gar, ob es überhaupt jemals dazu kommt - allen düsteren Szenarien zum Trotz. Doch die Stimmung ist schlecht: Der Aktienkurs halbiert und ein Ende der Ölpest im Golf von Mexiko nicht in Sicht. Auf derlei Boden sprießen Spekualtionen. Zum Beispiel über astronomische Kosten, die BP strangulieren werden. Über Wettbewerber, die BP feindlich übernehmen. Über den Ausverkauf und die Zerschlagung des einstigen britischen Aushängeschilds. Experten jedoch wollen in den Abgesang nicht einstimmen. "BP wird am Ende dieses langen Prozesses vielleicht ein anderes Unternehmen sein. BP wird die Krise aber überleben", sagt Rainer Wiek, Chefredakteur des Energie Informationsdienst (EID) und spricht damit auch für die meisten Analysten.

Die Zukunft von BP wird nüchtern betrachtet in erheblichem Maße von seinem künftigen Kapitalbedarf abhängen. Wie hoch dieser Bedarf ist, wird wiederum stark vom Verhältnis der Kosten für das Ölsdesaster im Golf und den liquiden Mitteln und Vermögenswerten bestimmt.

Niemand kann derzeit garantieren, dass sich über die geplanten Ersatzbohrungen das Leck in 1600 Meter Tiefe in wenigen Wochen mit Beton tatsächlich schließen lässt. Selbst wenn dies gelänge, weiß niemand genau, welche Forderungen auf BP noch zurollen werden. Das lässt sich nur schätzen, und auch immer nur auf Basis halbwegs aktueller Informationen, wie Analysten betonen.

Analysten schätzen Kosten der Ölpest auf bis zu 60 Milliarden Dollar

Vorsichtig optimistisch argumentierende Experten wie Achim Wittmann von der LBBW gehen derzeit davon aus, dass sich das Loch im August schließen lässt. Damit würden für BP geschätzte Kosten und Schadenersatzforderungen zwischen 50 und 60 Milliarden Dollar entstehen. Pessimisten taxieren die Summe auf bis zu 100 Milliarden Dollar. Müsste der Konzern das Geld sofort und auf einen Schlag berappen, hätte er ein existentielles Problem.

Doch so rechnen die Experten nicht - und vermutlich auch BP nicht. Denn den Kosten und kalkulierten Forderungen stehen auf der anderen Seite mögliche Erlöse von zehn Milliarden Dollar durch den geplanten Verkauf von Randaktivitäten gegenüber. Versilbern könnte BP seinen 60-Prozent-Anteil am argentinischen Ölförderer Pan American Energy. Aber auch Gasaktivitäten auf dem US-Markt könnte der Konzern zur Disposition stellen und ebenso Lizenzen, sagen Analysten im Gespräch mit manager magazin. Dass BP womöglich Tankstellennetze - zum Beispiel Aral in Deutschland - auf den Markt werfen wird, daran glaubt niemand so recht. "Das ist zu lukrativ und definitiv kein Randgeschäft", sagt der Analyst einer anderen großen Landesbank.

An Liquidität fehlt es BP nicht

Zusätzlich will BP für das laufende Jahr keine Dividende zahlen, womit weitere neun Milliarden Dollar in der Konzernkasse blieben, rechnet Wittmann von der LBBW vor. Und selbst in der Krise verdient BP gutes Geld, wie auch andere Experten betonen. Sie schätzen BPs operativen Cashflow beim aktuellen Ölpreisniveau in diesem Jahr auf gut 30 Milliarden Dollar. An Liquidität dürfte es BP also nicht fehlen. Ganz zu schweigen von den bestätigten Ölreserven, deren Wert die Experten der Société Générale konservativ gerechnet mit 20 Milliarden Dollar veranschlagen.

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