Freitag, 22. März 2019

Hauptversammlungen Die neue Macht der Aktionäre

ARUG, BilMoG, VorstAG - drei neue Gesetze prägen ab sofort Deutschlands Hauptversammlungen. Bernhard Orlik, stellvertretender Vorstandschef des HV-Dienstleisters Haubrok, sagt im Interview, wieso die Vorstandsvergütung auf keiner Tagesordnung fehlen darf, warum die Bezüge der Konzernlenker künftig stärker schwanken werden und weshalb der Online-HV die Zukunft gehört.

mm: Aktionäre können dank des VorstAG erstmals bei der Bezahlung von Vorständen mitreden. Müssen die Konzernlenker bei der Vergütung jetzt wirklich Federn lassen?

Bernhard Orlik ist stellvertretender Vorstandschef des HV- Dienstleisters Haubrok. Vor Mitgliedern der manager-lounge in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München präsentierte er gemeinsam mit der Sozietät Sibeth das Praxisseminar "Update Kapitalmarktrecht".
Orlik: Wenn sich die Lage des Unternehmens verschlechtert, wird sich dies deutlicher und schneller auf die Vorstandsbezüge auswirken. Das bedeutet aber wohl auch: Geht es dem Konzern besser als erwartet, dann dürften die variablen Vergütungen deutlich höher ausfallen als bisher. Die Schwankungsbreite der Vorstandsbezüge wird also abhängig von der Lage der Unternehmen größer werden. Das ist auch legitim. Chancen und Risiken müssen angemessen verteilt werden.

Das gilt übrigens auch für den Fall, dass ein Vorstand bereits ausgeschieden ist und ihm zum Beispiel Ruhestandsgelder zugesagt wurden, also Geld, das erst nach Beendigung des Vorstandsvertrags fließt. Auch diese Bezüge können künftig vom Aufsichtsrat rückwirkend gekürzt werden. Das sollte man sich klar verdeutlichen.

mm: Wird das auch geschehen?

Orlik: Der Praxistest steht noch aus. Ein prominentes Beispiel der Vergangenheit ist Walter Deuss, ehemals Vorstandschef von KarstadtQuelle. Der Konzern weigerte sich, auch die Überstunden des Deuss' nach seinem Abschied weiter zur Verfügung gestellten Fahrers zu tragen. Deuss klagte und siegte vor dem Landgericht Essen. Dieser Fall wäre mit dem VorstAG ganz anders zu bewerten.

mm: Was raten Sie Ihren Kunden? Sollen die Unternehmen das System der Vorstandsvergütung von sich aus auf die Tagesordnung der Hauptversammlung (HV) setzen?

Orlik: Auf jeden Fall.

mm: Warum?

Orlik: Zum einen ist es allzu legitim, dass Aktionäre erfahren, wie ihre Verwaltungsorgane bezahlt werden. So können mögliche Interessenkonflikte früh erkannt und verhindert werden. Zum anderen raten wir Firmen auch aus taktischen Gründen dazu. Die Abstimmung zur Vorstandsvergütung kann ja nicht nur von Vorstand und Aufsichtsrat auf die HV-Agenda gehoben werden. Sie kann auch von Aktionären, die mindestens 5 Prozent des Grundkapitals hinter sich haben, zwangsweise auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hat sich bereits entsprechend geäußert. Unternehmen sollten also dafür Sorge tragen, dass sie nicht in die Defensive geraten. Denn dann wird ihnen sicher unterstellt werden - ob zu Recht oder zu Unrecht -, dass sie bei der Vorstandsvergütung irgendetwas unter dem Tisch halten wollten.

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