Donnerstag, 19. Oktober 2017

Sturman-Kolumne Vivendi muss Milliardenanspruch fürchten

US-Richter haben entschieden, dass der ehemalige französische Medienkonzern Vivendi in den Jahren 2000 bis 2002 falsche Angaben über seine Finanzlage gemacht hat. Deshalb haben manche Aktionäre, die in diesem Zeitraum Vivendi-Papiere kauften, nun Anspruch auf Entschädigung - in einer Gesamthöhe von bis zu neun Milliarden Dollar.

New York - Dieses Urteil könnte für Vivendi Börsen-Chart zeigen teuer werden: US-Richter haben einer Sammelklage gegen das Unternehmen stattgegeben, nach der das ehemalige französische Medienhaus Vivendi seine Aktionäre zwischen den Jahren 2000 und 2002 falsch über die Finanzsituation des Konzerns unterrichtet habe. Deshalb hätten sie Anspruch auf Entschädigung - und das nicht zu knapp: Nach derzeitigen Abschätzungen liegt die Gesamtentschädigungssumme zwischen vier Milliarden und neun Milliarden Dollar. Eine Entschädigung erhalten aber nur die Investoren, die auch einen Antrag auf Entschädigung stellen.

Vivendi: Das Urteil der Jury gegen den französischen Medienkonzern erging nach dreieinhalb Monaten Hauptverhandlung
Das Urteil der Jury erging nach dreieinhalb Monaten Hauptverhandlung, inklusive mehr als zwei Wochen, in denen sich die Geschworenen zur Beratung zurückgezogen hatten. Die Jury befand, dass Vivendi Börsen-Chart zeigen für alle 57 vorgeworfenen betrügerischen Unternehmenserklärungen, die zwischen 2000 und 2002 zu einem künstlich überhöhten Aktienpreis und letztendlich, nachdem die Wahrheit um den maroden Zustand Vivendis ans Tageslicht kam, zu den riesigen Anlegerverlusten aufgrund des drastischen Aktienpreisverfalles führten, haftbar ist.

Auch wenn Vivendi-Aktionäre aus Deutschland, Österreich, Schweiz und anderen Ländern aufgrund einer zuvor gefällten, höchst umstrittenen Entscheidung von dieser Sammelklage ausgeschlossen waren, haben viele institutionelle Anleger (nahezu alle großen deutschen Investmentgesellschaften) parallel zur Sammelklage eigene Einzelklagen eingereicht. Obwohl alle Einzelklagen theoretisch getrennt nachgegangen werden sollen, gibt es Verfahrensvorschriften, aufgrund derer es wahrscheinlich ist, dass die erneute gerichtliche Überprüfung des Großteils der Haftung Vivendis nicht erlaubt sein wird.

Interessanterweise befanden die Geschworenen, dass Vivendis ehemaliger CEO Jean-Marie Messier und Vivendis ehemaliger CFO Guillaume Hannezo nicht persönlich für die falschen Veröffentlichungen verantwortlich sind. Messier, der seit 1996 CEO des Unternehmens war, wurde im Juli 2002 von seinem Posten verdrängt. Am 2. Juni 2010 werden in Frankreich jedoch Strafverhandlungen gegen Messier, Hannezo und sechs weitere Vorstandsmitglieder, unter anderem auch Seagram-Erbe Edgar Bronfman Jr., stattfinden. Hintergrund des Strafverfahrens ist die Irreführung von Investoren bezüglich der finanziellen Lage des Unternehmens zu der Zeit, in der die einstige Wasserversorgungsgesellschaft in einen hoch bewerteten Film-, Musik- und Pay-TV-Großkonzern umgewandelt wurde.

Die Entscheidung der Jury, wonach Messier und Hannezo nicht haftbar sind, sollte aber die Höhe der Entschädigung nicht beeinträchtigen, die die Anlegerklasse erhalten wird. Für Vivendi wird der Ausschluss der Haftbarkeit beider Individuen jedoch ein Grund mehr sein, die Entscheidung der Unternehmenshaftung anzufechten und zu argumentieren, dass bei Abwesenheit einer Personenhaftung keine Unternehmenshaftung bestehen kann. Allerdings wird hierbei übersehen, dass auch andere Personen mit verantwortlich waren. Vivendi wird sich seine Vorgehensweise sicherlich überlegen müssen, wenn das französische Strafverfahren die damalige Vivendi-Geschäftsführung überführt.

Deborah Sturman
Die Rechtsanwältin vertritt institutionelle Investoren aus Europa in Aktionärsklagen und berät europäische Anleger im Rahmen des Legal Portfolio Management bei ihren finanziellen Engagements. Alle Kolumnen von Deborah Sturman finden Sie hier .
Das Urteil in der US-Sammelklage ist ein bedeutender Sieg für Aktionäre, die gewöhnlich am unteren Ende der Nahrungskette stehen, wenn es um den Schutz ihrer Interessen durch die leitenden Hauptakteure eines börsennotierten Unternehmens und andere geht.

Jüngstes Beispiel dafür, wie das Management seine eigenen Interessen über die der Aktionäre stellen kann, ist der Bonus für Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen, in Höhe von 100 Millionen US-Dollar, während die Aktionäre die gleiche Dividende wie schon in 2006 bekamen.

Im Vivendi-Prozess kamen die Geschworenen allerdings zum Ergebnis, dass das Unternehmen zu weit gegangen war und dass die Aktionäre geschädigt wurden. Hierfür billigten sie den Geschädigten einen Ausgleich zu. Aus diesem Fall sollten wichtige Erkenntnisse gezogen werden. Es besteht die Möglichkeit, dass die Rechte der Aktionäre - zumindest manchmal - angemessen berücksichtigt werden, wenn auch im Nachhinein. Weiterhin sollten sich Aktionäre darüber bewusst sein, dass ihre Forderungen mit Hilfe von US-Aktionärsklagen durchgesetzt werden können. Wenn die betroffenen Anleger in diesem Fall einen Antrag auf Entschädigung stellen, können sie auf diesem Weg schätzungsweise 11 bis 13 Dollar pro relevante Aktie erhalten. Diese Wege sollten auch beschritten werden, um den Schutz der Aktionäre für die Zukunft zu sichern.

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