Freitag, 14. Dezember 2018

Agrarrohstoffe "Rückkehr zu den Spitzenpreisen"

Die Preise für Agrargüter wie Weizen, Mais oder Soja werden gewaltig steigen, prognostiziert Martin Richenhagen. Der Chef des US-Landmaschinenbauers und Fendt-Mutterkonzerns Agco erklärt im Gespräch mit manager-magazin.de, warum vor allem die Chinesen weltweit Jagd auf Ackerland machen - und weshalb er Hungerrevolten befürchtet.

mm.de: Herr Richenhagen, Sie planen beträchtliche Investitionen in China und Russland. Der Zeitpunkt überrascht, zumal die gesamte Agrarbranche erheblich unter dem Preisverfall von Rohstoffen wie Weizen, Mais und Sojabohnen leidet. Wie passen Krise und Expansion zusammen?

Richenhagen: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die fundamentalen Trends in unserer Industrie nicht geändert haben. Die Weltbevölkerung wächst netto jedes Jahr um 80 Millionen, das entspricht etwa der Einwohnerzahl der Bundesrepublik. Zweitens essen die Menschen in den Entwicklungsländern, allen voran China und Indien, immer mehr Fleisch. Zur Fütterung der Rinder, Schweine und Hühner braucht man Getreide. Drittens benötigt die Welt landwirtschaftliche Produkte für Biokraftstoffe. Das alles wird die Preise für Agrargüter langfristig wieder steigen lassen.

Wir haben eine passende Strategie entwickelt, die wir auch in schweren Zeiten durchhalten: Dazu gehört die Expansion in Wachstumsmärkten wie Russland und China, wo wir zwei neue Joint Ventures gründen werden. Vor allem in China ist die wirtschaftliche Lage wesentlich besser als in Europa oder den USA.

mm.de: Trotzdem litt auch Ihr Unternehmen unter der Krise - nicht zuletzt, weil Landwirte im Moment weniger produzieren und deshalb keine neuen Landmaschinen brauchen. Gleich zwei mal senkte Agco die Gewinnerwartung für 2009. Wann erwarten Sie eine Erholung?

Martin Richenhagen führt seit 2004 den US-Landmaschinenhersteller Agco - weltweit die Nummer drei hinter John Deere und der Fiat-Tochter Case New Holland. Zur Konzernfamilie gehört der Traktorenbauer Fendt aus Marktoberdorf im Allgäu. CEO Richenhagen ist neben Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld der einzige Deutsche, der in den USA einen namhaften Konzern lenkt. Der gebürtige Kölner arbeitete ursprünglich als Religionslehrer, wechselte aber in den 80er Jahren in die Wirtschaft. Unter anderem wirkte er als Geschäftsführer beim heutigen Konkurrenten Claas.
Richenhagen: Das wird noch eine Zeit lang dauern. 2011 oder 2012, so vermute ich, werden unsere Umsätze im Vergleich zu diesem Jahr wieder signifikant steigen. Es kann aber auch schneller gehen. Das zeigt das Beispiel Brasilien: Dort hat sich die Agrarwirtschaft schon wieder deutlich erholt.

mm.de: Was ist Ihre Erklärung für den Preissturz bei den meisten Agrarrohstoffen?

Richenhagen: Mitte 2008 hatten die Preise der sogenannten Soft Commodities im Dreijahresvergleich um 60 Prozent zugelegt. Ich gehe davon aus, dass ein Teil dieses Anstiegs auf die Aktivität von Spekulanten zurückzuführen war - ich tippe auf etwa 20 Prozent. Als die Finanzkrise mit der Lehman-Pleite endgültig ausbrach, haben die Investoren sich in großem Stil aus der Agrarwirtschaft zurückgezogen.

mm.de: Wann werden die Agrarrohstoffe wieder nachhaltig an Wert gewinnen?

Richenhagen: Mittelfristig werden sich die Preise wieder auf hohem Niveau bewegen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in einigen Jahren wieder die Spitzenwerte des Jahres 2008 sehen werden. Die Chinesen haben das viel besser verstanden als die Amerikaner oder Europäer. Sie haben das Zukunftsproblem der Knappheit an Boden erkannt, und kaufen massenhaft Ackerland in Afrika und Brasilien. Nur so können sie ihre wachsende Nachfrage befriedigen, und sich von steigenden Weltmarktpreisen unabhängiger machen.

mm.de: Das Ackerland geht weltweit zur Neige. Gleichzeitig muss aber die landwirtschaftliche Produktion in den nächsten 20 Jahren verdoppelt werden, um die stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Wie kann das funktionieren?

Richenhagen: In einigen Gebieten dieser Welt wird noch keine intensive Landwirtschaft betrieben, beispielsweise in Russland und einigen Teilen der USA. Man kann die Erträge in der Fläche also noch erhöhen. Zudem ermöglichen moderne Landmaschinen, Ernteverluste zu minimieren und die Bodenbearbeitung zu verbessern. Es gibt außer der Landwirtschaft keine Industrie, der in der Vergangenheit derart große Produktivitätsfortschritte gelangen. Dazu tragen auch neue Saatgüter und widerstandsfähigere Pflanzensorten bei. Das Problem ist also technisch lösbar.

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