Sonntag, 23. September 2018

Aktienanlage Geburtstagsparty für Markowitz

Hat die Krise im Jahr 2008 das letzte Stündlein von Harry Markowitz eingeläutet, dem geistigen Vater der Streuung? Nein, sagt Michael Keppler, Fondsmanager aus New York im Interview mit manager-magazin.de. Im Gegenteil - Markowitz und Aktien sind aktuell wie lange nicht.

mm.de: Herr Keppler, hat die Entwicklung der Aktienmärkte seit Jahresbeginn Sie in Ihrer Meinung als Aktienjünger bestätigt?

Jubelfeiern: Aktionäre können sich seit März freuen - über steigende Kurse
Keppler: Nach dem dramatischen Kursrückgang im Jahr 2008 - der MSCI Weltaktienindex verlor 38,7 Prozent - war ich zu Jahresbeginn der Auffassung, dass das Schlimmste ausgestanden sein sollte. Stattdessen fiel der MSCI World bis zum 9. März um weitere 22 Prozent auf ein neues Zyklustief. Als wir dann Anfang April unsere Frühjahrs-Quartalsberichte fertig stellten, waren die Aussichten auf steigende Aktienkurse so hoch wie nie zuvor. Unsere Analysen, die auf dem "Mean Reversion"-Prinzip und Benjamin Grahams "Margin of Safety" basieren, ließen auf Sicht von drei bis fünf Jahren Gesamtrenditen, das heißt Kurssteigerungen mit wiederangelegten Dividenden von mehr als 30 Prozent pro Jahr für den Weltaktienindex erwarten. Vom 9. März bis zum 31. Juli stiegen die Industrieländerbörsen in lokaler Währung im Durchschnitt um 44,7 Prozent in US Dollar sogar um 63,8 Prozent.

mm.de: Und das bedeutet für Sie?

Keppler: Insofern ist das bisherige Ergebnis seit Jahresanfang sogar noch besser ausgefallen als erwartet - allerdings nach einer Achterbahnfahrt, die die meisten Marktteilnehmer zumindest sehr verunsicherte, wenn nicht gar aus der Bahn warf. Nach der jüngsten Kursexplosion halten wir auf Sicht der kommenden drei bis fünf Jahre für die etablierten Börsen einen Wertzuwachs von rund 20 Prozent im Jahresdurchschnitt für möglich. Damit werden festverzinsliche Anlagen kaum konkurrieren können.

mm.de: Wie nachhaltig ist die Erholungsbewegung an der Börse?

Keppler: Sehr nachhaltig! Man muss immer zwischen Wirtschaft und Börse unterscheiden. Die volkswirtschaftlichen Aussichten sind nach wie vor schlecht: Die Rezession dauert bereits 18 Monate an, die Zahl der Arbeitslosen wird weiter steigen, Neuinvestitionen werden immer noch zurückgestellt, die Immobilienpreise sind bis zuletzt gefallen und zeigen nur eine leichte Tendenz zur Stabilisierung. Man könnte die Liste beliebig fortführen. Allerdings vergessen die meisten Anleger, dass Wirtschaftswachstum und Börsenentwicklung alles andere als eng miteinander korrelieren. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Die Volkswirtschaften mit dem höchsten Bruttosozialproduktwachstum haben die niedrigsten Aktienerträge. Demgegenüber geht niedriges Wirtschaftswachstum mit hohen Renditen an den Aktienmärkten einher. Da wir bis auf weiteres tendenziell mit einem im historischen Vergleich eher niedrigen Wirtschaftswachstum verbunden mit niedrigen Zinsen und Inflation rechnen, erwarten wir gute Erträge am Aktienmarkt.

mm.de: Welche Lehre ziehen Sie aus der Krise - ist Harry Markowitz und sein Prinzip der Streuung zum Beispiel tot, wie Medien gern einmal sagen?

Keppler: Soviel ich weiß, erfreut sich Harry Markowitz guter Gesundheit und wird am 24. August seinen 82. Geburtstag feiern. Was jedoch nach langem Leiden und seit dem Aktiencrash vom 19. Oktober 1987 fast fünfjährigem Koma, 1992 heimlich zugrabe getragen wurde, ist das Capital Asset Pricing Model (CAPM).

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