Mittwoch, 27. Juli 2016

Müllers Welt Von der Inflationsangst zum Goldrausch

Die Rezession scheint allmählich zu Ende zu gehen - entsprechend rapide steigen die Inflationsgefahren. Auch Finanzminister Peer Steinbrück warnt im aktuellen manager magazin eindringlich davor. Wird Gold zum Mittel der letzten Zuflucht für verunsicherte Sparer und Notenbanker? Diskutieren Sie mit!

Kürzlich las ich folgende kleine Meldung: Man habe, so ließ die Regierung in Peking wissen, eine größere Menge Gold gekauft, nämlich 454 Tonnen seit 2003, und dafür einen (kleineren) Teil der gigantischen Devisenreserven eingesetzt. Eine kleine Randnotiz, nicht weiter beachtet. Auf mich wirkte sie wie die Bestätigung meiner Kolumne in Heft 5 des manager magazins, in der ich über den bevorstehenden Übergang vom informellen internationalen Dollar-Standard zu einem informellen Gold-Standard spekuliert hatte.

Hat der Dollar ausgedient? Verunsicherte Sparer setzen zunehmend auf Gold
Stehen wir am Beginn eines neuen Goldfiebers? Es sieht ganz so aus.

Trotz Krise hat sich der Goldpreis erstaunlich gut gehalten. Nur um 25 Prozent ging er zwischenzeitlich zurück, heute sind die Verluste gegenüber den Höchstständen vom vorigen Jahr (fast 1000 Dollar pro Unze) fast wieder aufgeholt. Zum Vergleich: Öl verlor seit Sommer 2008 zwischenzeitlich rund Dreiviertel seines Wertes und steht derzeit nicht mal bei der Hälfte der vormaligen Maximalnotierungen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass es gerade erst richtig losgeht: Dass der Goldpreis Höhen erreichen wird, die bislang als unvorstellbar galten - dass ein globales Goldfieber einsetzt.

Warum?

Erstens, weil die Angst vor Inflation die Märkte auf längere Sicht im Griff haben wird; wertgefährdetes Papiergeld gegen Gold zu tauschen, um Werte zu sichern und halbwegs liquide zu bleiben, hat eine lange Tradition.

Zweitens, weil viele Schwellenländer, voran China, dem Dollar immer stärker misstrauen und ihre Dollar-Reserven in andere Assets umtauschen, insbesondere auch in Gold.

Im Einzelnen:

Die Inflationsgefahren: "Bei all dem Geld, das in den vergangenen Monaten in die Märkte gepumpt worden ist, wird uns dann vor allem die Frage beschäftigen: Wie kriegen wir die Zahnpasta zurück in die Tube?", hat meinem Kollegen Christian Rickens und mir kürzlich ein grantelnder Bundesfinanzminister gesagt; das komplette Interview lesen Sie im aktuellen Heft (seit dem heutigen Freitag im Handel erhältlich). Auch die hohe und rapide steigende Verschuldung "in einigen Staaten" lege den Verdacht nahe, die Politik werde künftig "ein bisschen mehr Inflation billigend in Kauf" nehmen, "um die Schuldenlast zu reduzieren".

Mehr zum Thema in: manager magazin 8/2009

Das Euro-Dilemma
Crash, Clash, Inflation: Wie kann Europa seine inneren Spannungen losen? Lesen Sie mehr im aktuellen manager magazin, Heft 8/2009, auf Seite 80.

Es ist bemerkenswert, dass der wichtigste Minister einer wichtigen Volkswirtschaft so offen über die Gefahren für den Geldwert spricht. Und es ist ja wahr. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise haben die Notenbanken und die Regierungen die Welt mit Geld in nie da gewesenen Dimensionen geflutet. Die Staatsverschuldung ist dabei, aus dem Ruder zu laufen; einer Prognose des Internationalen Währungsfonds zufolge könnten die reichen Länder in wenigen Jahren einen Schuldenstand von im Schnitt 120 Prozent des BIP erreichen. Einige, zuvörderst Japan, reißen die 200-Prozent-Marke. Es scheint nicht mehr abwegig, dass sogar Euro-Staaten wie Irland im Zuge der Finanzkrise ein Staatsbankrott droht.

Dass die Krise in eine globale Inflation übergeht, ist zwar nicht zwingend, aber die Zutaten für ein solches Szenario sind beisammen. In Heft 3 des manager magazins habe ich einen ausführlichen Report darüber geschrieben. Damals beherrschte noch die Angst vor Deflation die Debatte. Inzwischen aber sind die langfristigen Zinsen für Staatsanleihen (von sehr niedrigen Niveaus) deutlich gestiegen - ein Hinweis auf gestiegene Inflationserwartungen.

Wenn Privatleute Inflation fürchten, erst recht wenn sie Angst haben vor sozialen Unruhen und politischer Instabilität, wählen sie typischerweise Gold als Wertaufbewahrungsmittel. Kürzlich erzählte mir ein Unternehmensberater, er sei bei einem mittelständischen Unternehmer gewesen, der Millionen Euro in Form von Goldbarren in seinen Betonfußboden habe gießen lassen. Die Sinnhaftigkeit einer solchen Aktion kann man bezweifeln. Sie illustriert aber den Reiz, den Gold gerade in Krisenzeiten als Vermögenswert der letzten Zuflucht ausübt. Es ist seit Jahrtausenden als Wertaufbewahrungsmittel bewährt, leicht zu verstauen und - falls es ganz schlimm kommt - auch zu transportieren.

  Henrik Müller , stellvertretender Chefredakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
Die Flucht aus dem Dollar: Fragezeichen verbinden sich insbesondere mit der künftigen Rolle des Dollar. Und damit sind wir bei den Goldkäufen Chinas. Nicht nur in Peking, auch Russland und viele andere Schwellenländer wollen sich von der US-Währung als monetärem Anker lösen. Sie misstrauen der amerikanischen Geld- und Finanzpolitik. Diese Woche stand Fed-Chairman Ben Bernanke vor dem US-Kongress Rede und Antwort. Er gilt bisher als Stabilitätsbewahrer. Dem Kongress sagte er: "Wir sind zuversichtlich (confident, sagte er wörtlich, nicht certain), dass wir die Instrumente haben, die Zinsen anzuheben, wenn dies nötig wird, um unsere Ziele, maximale Beschäftigung und Preisstabilität, zu erreichen." Da klingen leise Zweifel an über den Weg der Zahnpasta zurück in die Tube.

Möglich, dass Bernanke kommendes Jahr ersetzt wird. Larry Summers, Ex-Finanzminister unter Bill Clinton und heute Chef-Wirtschaftsberater des Präsidenten, steht als Ersatzkandidat bereit. Die US-Regierung würde ihren Mann an der Spitze der Fed installieren - eine Regierung wohlgemerkt, die bereits heute einen Teil ihrer Staatsverschuldung durch die Notenpresse finanzieren lässt und womöglich auch in Zukunft darauf angewiesen sein wird. Ein schlechtes Zeichen für die ohnehin angeknackste Unabhängigkeit der Notenbank.

Wegen solcher Zweifel an der Werthaltigkeit der US-Währung wollen die Schwellenländer aus der Dollar-Bindung aussteigen. Sie wollen keine Inflation importieren, und sie wollen den Wert ihrer Devisenreserven nicht dahinschmelzen sehen wie Vanilleeis in der Sommersonne.

Aber was ist die Alternative zum Dollar? Der Euro? Das Weltgeld Nummer zwei hat international zweifellos an Reputation und Bedeutung gewonnen. Aber Europas Einheitswährung ist selbst in keiner sonderlich guten Verfassung: Die Spannungen innerhalb des Euro-Raums - zwischen Ländern mit gigantischen Defiziten wie Griechenland, Portugal und Spanien einerseits und Ländern mit hohen Überschüssen wie Deutschland und den Niederlanden andererseits - verschlimmern sich durch die Krise noch. Es gibt kein Instrumentarium, sie zu lösen. Mehr Inflation könnte auch für den Euro-Raum ein vergleichsweise bequemer Ausweg aus der fiskalischen Krise sein. Im aktuellen Heft habe ich mich mit diesem Thema in meiner Kolumne befasst.

Den Dollar einfach gegen den Euro zu ersetzen, ist für die Schwellenländer keine sinnvolle Strategie. Auch Währungskörbe aus mehreren Währungen - Dollar, Euro, Yen, Pfund, Schweizer Franken -, wie sie der chinesische Notenbank-Chef kürzlich ins Spiel brachte, schützen kaum, wenn es zu einem globalen Inflationsschub kommt.

Die Schwellenländer brauchen aber nach wie vor einen monetären Anker, um eine glaubwürdige Geldpolitik betreiben zu können. Denn viele von ihnen leiden unter einem Defizit an Vetrauen in ihre Institutionen. Zumal autoritäre Staaten wie China, Russland und die meisten Ölexporteure können kaum plausibel machen, warum in einem System, in dem ansonsten staatliche Willkür gang und gäbe ist, ausgerechnet die Währungsbehörde politisch unabhängig sein sollte.

Der Aufbau eines Goldschatzes ist so gesehen ein Weg für die Notenbanken der Schwellenländer, ihre Glaubwürdigkeit zu stärken. Weil die bisher verwendeten monetären Anker, zumal der Dollar, nicht mehr halten, suchen die institutionell schwachen Newcomer-Nationen Halt in Edelmetallen.

Wie gesagt: Ich vermute, dass wir den Beginn eines neuen Goldstandards erleben, eines informellen Arrangements, anders als sein Vorläufer im 19. Jahrhundert - aber mit deutlicherer Signalwirkung für andere Goldkäufer.

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