Donnerstag, 30. März 2017

Ratingagenturen Die Schlacht ist eröffnet

3. Teil: Ein fragwürdiges Modell?

Aber "hier geht es um Geld, das der Einzelstaat nicht mehr hat und dringend braucht. Der Fall trifft die eigene Tasche - wenn nicht der Geschworenen selbst, dann doch die Verwandter und Bekannter im öffentlichen Dienst. Die Jury könnte also durchaus einen Geschworenenspruch gegen die Ratingunternehmen gewähren."

Calpers vs. Agenturen
"Aus deutscher Perspektive ist vielleicht interessant, dass der Klageantrag keine Strafschadensersatzforderung enthält. Von "punitive damages" gehen viele deutsche Leser als Normalfall aus. Das ist in den USA jedoch nicht der Fall, und diese Klage belegt es. Jedoch gilt, dass Klagen oft erheblich abgeändert werden dürfen, und eine Änderung kann auch den Klageantrag erfassen. Aus deutscher Perspektive ist auch interessant, dass sich die Klage nicht nur gegen die drei benannten Unternehmen richtet, sondern gegen 100 noch unbezeichnete Beklagte, die so genannten 'Does 1 bis 100'. Wer sie sein werden, wird sich im Laufe des Verfahrens zeigen."


Clemens Kochinke, US-Anwalt

In der Tat ist die Lage komplex. Denn es geht Calpers nicht nur darum, dass die Urteile der Agenturen im Fall der drei SIV schlicht falsch wären. Sie seien "wild unakkurat" sowie "unbegründet hoch". Das Unternehmen zerrt vielmehr das ganze Geschäftsmodell der Ratingagenturen vor die Schranken des Gerichts. Denn die würden sich inzwischen auch an der Strukturierung der Papiere von SIV beteiligen. "Strukturierte Finanzprodukte sind lukrativ", heißt es lapidar in der Klage. Und weiter wird Professor Charles Calomiris von der Columbia Universität zitiert, der sinngemäß sagt, es handle sich dabei inzwischen um ein Geschäft des Finanzingenieurstums.

Kommentar Moody's: "Moody's Politik ist sehr klar dahingehend, auch wenn wir uns zu potenziellen Kreditimplikationen struktureller Elemente eines Papiers äußern können, dass wir nicht an dem Design, der Strukturierung oder dem Marketing von Securities gleich welchen Typs beteiligt sind - das ist die Rolle des Underwriters (Erklärung der Redaktion: Institute, die sich zum Beispiel bei einer Emission bereit erklären, ein Teil davon selbst zu übernehmen). Unsere Rolle am Markt besteht einfach darin, begründete und vorwärtsblickende Meinungen zu Kreditrisiken anzubieten. Die Methodik unserer Ratings ist auf unserer Website festgehalten und für jeden zugänglich. Es ist nichts in der Calpers-Klage, dass den Schluss nahelegt, dass die Moody's-Politik in diesem Fall nicht befolgt wurde."

Bei der zu erwartenden Gegenwehr nimmt es nicht weiter wunder, dass manch einer abwinkt. "Calpers scheint mir ein weiterer Fall von Prozesswut in den USA zu sein. Der Pensionsfonds hat sich offensichtlich leichtsinnig auf Informationen verlassen, die nie eine 100-prozentige Garantie auf Fehlerfreiheit beinhalteten", sagt zum Beispiel John Carey, selbst erfahrener Aktienanleger und Manager des Pioneer-Fonds - U.S. Pioneer Fund. "Nun suchen sie einen Schuldigen, um Teile ihrer Verluste wieder gutzumachen. Ob sie damit Erfolg haben werden, halte ich für fraglich." Andere schweigen, wollen den Fall nicht kommentieren.

Weitere Großinvestoren halten sich bedeckt. Deka, Schroders, Fidelity, sie wollen nicht zitiert werden. Wiewohl auch bei ihnen davon auszugehen ist, dass sie Ratings genutzt haben. Beobachten wird man die Entwicklung des Prozesses aus ihren Stahl-und-Chromtürmen gewiss. "Sollte Calpers recht bekommen, werden Klagewellen aus der gesamten Bankenlandschaft die Folge sein, denn das würde bedeuten, dass die Schuld für die massiven Vermögensverluste zumindest teilweise verlagert werden kann, und die Banken den Reputationsverlust, trotz ihres markanten Missmanagement, begrenzen könnten", vermutet Zschaber.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH