Donnerstag, 21. Februar 2019

Finanzkrise Wenn die Kreditvergabe klemmt

Die Anzeichen für eine Kreditklemme, die den Aufschwung im Keim ersticken könnte, scheinen sich insbesondere in Deutschland zu mehren. Sind die Banken risikoscheuer geworden oder benötigen die Unternehmen infolge der tiefen Rezession einfach nur weniger Kredite? Und: Muss der Staat deshalb nun auch hier intervenieren?

Berlin - Die aktuellen Umfragen der europäischen Zentralbank sowie Analysen der US Federal Reserve Bank zeigen deutlich rückläufige Kreditvergaben durch Banken in den großen Industrienationen im ersten Quartal 2009. Folglich kommen - vorrangig aus der deutschen Politik - zunehmend Forderungen, nach denen insbesondere die unter staatlichem Einfluss stehenden Institute freizügiger Kredite vergeben sollen, um die Grundlage zur wirtschaftlichen Erholung zu schaffen.

Jan U. Hagen ist Dozent and der ESMT European School of Management and Technology. Er leitet die Practice Group Financial Services bei ESMT Customized Solutions.
Dabei sollte die restriktivere Kreditvergabepraxis der Banken eigentlich niemanden überraschen: Das expansive Kreditgeschäft der vergangenen Jahre war eine der Hauptursachen der aktuellen Finanzmarktkrise und zu Recht wurde von Politik und Wissenschaft ein verantwortungsvolleres Geschäftsgebaren gefordert. Hinzu kommt, dass die Banken in den vergangenen Monaten mit bislang einmaligen Liquiditätsengpässen konfrontiert wurden. Obwohl sich die Lage am Interbankenmarkt mittlerweile wieder deutlich entspannt hat, ist man vom früheren Niveau noch weit entfernt. Darüber hinaus haben die erheblichen Abschreibungen und Wertberichtungen auf strukturierte Wertpapiere bei vielen Instituten die Eigenkapitalbasis stark in Mitleidenschaft gezogen. Schließlich müssen Banken ihre Risikovorsorgen auch angesichts der zu erwartenden konjunkturbedingten Ausfälle im klassischen Kreditgeschäft weiter erhöhen. Ungünstiger können die Bedingungen für die Kreditvergabe durch Banken kaum sein.

Größere Investitionen zurückgestellt

Neue Wege: Der traditionell hohe Fremdkapitalanteil an der Finanzierung deutscher Unternehmen wird langfristig zugunsten einer höheren Eigenkapitalquote sinken müssen.
Marian Kamensky
www.humor-kamensky.sk
Neue Wege: Der traditionell hohe Fremdkapitalanteil an der Finanzierung deutscher Unternehmen wird langfristig zugunsten einer höheren Eigenkapitalquote sinken müssen.
Nicht viel besser sieht es bei den Unternehmen aus. Massive Auftragseinbrüche haben dazu geführt, dass große Investitionsvorhaben zurückgestellt wurden. Negative Geschäftsaussichten verschlechtern zudem vielfach die Bonität, was durch die damit verbundenen Risikoaufschläge zu einer Erhöhung der Finanzierungskosten führt.

Insofern ist das Nachlassen der Kreditnachfrage auch aus Unternehmenssicht nachvollziehbar. Schwierig ist die Situation aber vor allem deshalb für deutsche Unternehmen, weil ihre Fremdkapitalquoten im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch sind. Die Liquiditätsbeschaffung hat sich deshalb nicht nur bei einigen spektakulären Unternehmenszusammenschlüssen als kritisch erwiesen, sondern ist auch für den traditionellen Mittelstand zu einer zentralen Herausforderung geworden.

Welche Schlussfolgerungen sind aus dieser scheinbaren Störung der so wichtigen Beziehung zwischen Banken und Unternehmen zu ziehen? Grundsätzlich besteht kein Anlass zur Panik, denn Unternehmen haben nach wie vor genügend Möglichkeiten zur Kreditaufnahme bei Banken. Die Analysen des Internationalen Währungsfonds zeigen jedoch, dass eine Rückkehr zu den früheren Marktbedingungen für die nächsten Jahre nicht zu erwarten ist.

Eine neuerliche staatliche Einflussnahme, mittels neuer Kreditprogramme oder Bürgschaften, wäre allerdings vollkommen unangemessen. Gerade im Zusammenhang mit der Finanzkrise weist der Staat als Kreditgeber in Deutschland eine denkbar schlechte Historie auf. Neben neuen Risiken für die Steuerzahler existiert nicht zuletzt auch das Risiko einer sich weiter verschärfenden Wettbewerbsverzerrung innerhalb der deutschen Bankenlandschaft, die schon jetzt weitgehend von öffentlichen Instituten geprägt ist.

Also werden die Unternehmen sich an die veränderten Verhältnisse anpassen müssen. Der traditionell hohe Fremdkapitalanteil an der Finanzierung deutscher Unternehmen wird langfristig zugunsten einer höheren Eigenkapitalquote sinken müssen. Dieser Anpassungsprozess wird in Einzelfällen schmerzhaft sein und auch die eine oder andere Expansionsstrategie zunichte machen. Langfristig wird es die Stabilität der Unternehmen jedoch erhöhen.

Aber auch die Banken würden gut daran tun, ihre Geschäftsmodelle anzupassen: Kundenbindungen, die traditionell über Kreditbeziehungen liefen, werden nachlassen, so dass die Banken sich neu orientieren müssen, um Partner der Unternehmen zu bleiben. Langfristig wird das nur durch verstärkte Beratungskompetenz zu realisieren sein, die über reine Kenntnis von Bankprodukten und Konditionen hinausgeht.

Anmerkung der Redaktion: Am 1. und 2. Juli findet in Berlin das zweite ESMT Annual Forum ("Navigating in Turbulent Times: Opportunities, Threats, and the World Economy) statt. Sprechen werden dort unter anderem: Michael Diekmann (Allianz), Wulf Bernotat (EON), Josef Ackermann (Deutsche Bank) und Dieter Zetsche (Daimler).

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