Mittwoch, 29. März 2017

Verpackungsgrößen Angst vor der Mogelpackung

Bei vielen Lebensmitteln gelten ab sofort die bisherigen Vorschriften für einheitliche Verpackungsgrößen nicht mehr. Verbraucherschützer befürchten, dass die Hersteller die Freigabe für versteckte Preiserhöhungen nutzen. Der Handel hält die Neuregelung dagegen für sinnvoll.

Frankfurt am Main - Schokolade in der 95-Gramm-Tafel oder das Tafelwasser im 1,2-Liter-Tetrapack: Was bisher verboten war, könnte in deutschen Supermärkten bald zum Alltag gehören. Auf Druck der Europäischen Union fallen viele Vorschriften ab heute weg. Hersteller hoffen, sich so besser auf die Nachfrage von Verbrauchergruppen wie Singles einstellen zu können. Dagegen befürchten Verbraucherschützer, dass die Liberalisierung zu versteckten Preiserhöhungen führen könnte.

Augen auf im Supermarkt: Wer künftig ins Regal greift, könnte sein blaues Wunder erleben. Bislang einheitliche Verpackungsgrößen gelten für die meisten Lebensmittel nicht mehr. Verbraucherschützer befürchten versteckte Preiserhöhungen.
Theoretisch können ab sofort sogar 0,005 bis 10 Liter Wasser abgefüllt werden. Bei Fruchtsäften, Milch oder Bier ist mit der Umsetzung einer EU-Richtlinie dieselbe Bandbreite möglich. Wein, Sekt und Spirituosen sind dagegen nicht freigegeben. Bei Zuckerpackungen sind künftig zwischen 100 Gramm und 5 Kilogramm zulässig.

Der deutsche Getränke-Einzelhandel rechnet aber bei Mehrwegflaschen nicht mit gravierenden Änderungen, weil Flaschen, Kästen und Abfüllanlagen teuer umgestellt werden müssten. Beim Einweg seien dagegen neue Flaschengrößen wahrscheinlicher.

Verbraucherschützer befürchten, dass Discounter ihre Preisgrenzen halten wollen und einfach weniger Inhalt abfüllen. Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale beobachtet solche Tricksereien schon seit langer Zeit - etwa bei Produkten wie Marmelade, Putzmitteln oder Kosmetika, für die schon jetzt keine Vorgaben mehr bestehen.

Die Masche ist simpel: Weniger drin, gleicher Preis. Ein Windelhersteller belässt bei der Packungsgröße und beim Preis alles beim Alten, packt aber drei Windeln weniger rein und erhöht so unbemerkt den Preis. "Das merkt der Verbraucher meist gar nicht", sagt Valet. Versteckte Preiserhöhungen von mehr als 20 Prozent hat der Verbraucherschützer nach eigenen Worten in den vergangenen Jahren aufgedeckt. Oft gehe es darum, attraktive Schwellenpreise wie 1,99 Euro halten.

"Wir wollen unsere Kunden doch nicht vergrätzen"

Dass den Deutschen künftig nur noch Mogelpackungen untergejubelt werden, hält der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) für völlig abwegig. "Wir wollen unsere Kunden doch nicht vergrätzen", beteuert HDE-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. "Unklare Verpackungen" nehme der Handel in der Regel erst gar nicht in die Regale.

"Der Handel will anbieten, was die Kunden wünschen und nicht das, was sich Bürokraten irgendwann mal ausgedacht haben", sagt der HDE-Geschäftsführer. So gebe es heutzutage viel mehr Single-Haushalte, für die viele Verpackungen schlicht zu groß seien. "Es besteht Bedarf an kleineren Einheiten."

Verbraucher sollten dringend auf Grundpreisangaben achten

Verbandsvertreter empfehlen den Verbrauchern, auf die Grundpreisangaben für die Kosten je Kilo oder Liter zu achten. Das empfehlen auch Verbraucherschützer, die aber beklagen, dass diese Angaben oft fehlen. Wichtig sei es, die Grundpreisangaben genau zu studieren und "Rabatz zu schlagen", wenn diese fehlten, sagt auch Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Verbraucher mussten schon immer die Augen aufmachen. Aber jetzt noch mehr."

manager-magazin.de mit Material von afp und ap

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