Donnerstag, 19. Juli 2018

Investmentbanken Das Wüten der Finanzprofis

Der Absturz der amerikanischen Investmentbanken wird das globale Geldgeschäft neu ordnen. Das könnte heilsam sein, nicht nur für die Weltwirtschaft: Etliche Wall-Street-Konzerne haben in den Gesellschaften verheerende Schäden angerichtet. Eine Bestandsaufnahme.

Das war schon eine faustdicke Überraschung, damals, Mitte Juli 2008. Die Schaeffler KG verkündete, dass sie den Automobilzulieferer Continental Börsen-Chart zeigen übernehmen wolle. Ein Coup war die geplante Übernahme nicht nur deswegen, weil das Kaufobjekt aus Hannover drei Mal so viel Umsatz macht wie der Kugel- und Wälzlagerhersteller aus dem fränkischen Herzogenaurach. Sondern vor allem wegen der Mittel, mit denen sich das Schaeffler-Management die Herrschaft über Continental sichern wollte.

Als der Übernahmeversuch öffentlich wurde, waren die Franken de facto schon im Besitz von rund 30 Prozent der Conti-Aktien. Trickreich hatten sie - mit Hilfe von Investmentbanken wie Merrill Lynch - die gesetzliche Meldepflicht umgangen. Wieder mal hatten Finanzmarkt-Profis demonstriert, wie wenig sie sich von staatlichen Rahmenbedingungen in ihren Geschäften einengen lassen. Soll der Gesetzgeber doch Meldepflichten und sonstige Hindernisse erfinden – ein Investmentbanker, der sein Geld wert ist, wird schon Mittel und Wege finden, sie zu umgehen. Der Aufschrei der Öffentlichkeit war kühl einkalkuliert. Die Empörung wird sich, so die Erfahrung der Akteure, nach kurzer Zeit wieder legen.

Der Vorgang illustrierte auf eindrucksvolle Weise: Es gab und gibt bis heute - da noch unklar ist welche Rolle das Investmentbanking in der Zukunft spielen wird – keine allgemein akzeptierten Regeln mehr. Nicht im Umgang der Manager untereinander, nicht im Umgang der Unternehmen mit der Öffentlichkeit. Das Vorbild des ehrbaren Kaufmanns hat endgültig ausgedient, seit die Wirtschaftswelt vom Denken und von den Praktiken der angelsächsischen Investmentprofis beherrscht wird.

Wird sich dies mit dem tiefen Fall der einstigen Könige nun ändern? Erleben wir derzeit eine wirtschaftshistorische Zäsur? Es wäre hohe Zeit für einen fundamentalen Kurswechsel: weg von einer Wirtschaft, in der die Meister der Wall Street zum eigenen Vorteil die Regeln diktieren; in denen es offenkundig keine Hemmungen, keinen allgemein akzeptierten Rahmen mehr für das Ausleben des Erwerbstriebs gibt. Käme es auch nur in Ansätzen zu einem solchen Wechsel, zu einer solchen Entmachtung - die sündhaft teure Subprime-Krise hätte dann noch einen positiven Aspekt.

Der angelsächsische Finanzkapitalismus hat sich ja in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren nicht nur zum Nachteil der Bankenwelt zu alles dominierenden "Monster" (Horst Köhler) emporgeschwungen. Er hat auch die Unternehmen im produzierenden Sektor, er hat vor allem die Gesellschaften in der globalen Wirtschaftswelt zunehmend geprägt. Viele negative Entwicklungen wurzeln in der kontinuierlich gewachsenen Macht der Investmentbanker.

Ihnen ist zu einem nicht geringen Teil anzurechnen, dass das Vertrauen der Gesellschaft in die Unternehmenswelt zusehends erodierte. Die Wettbewerbswirtschaft, so der verbreitete Eindruck, ist zu einer Raff-Gemeinschaft verkommen, in der getrickst und getäuscht wird, Anleger um ihr Erspartes gebracht werden, mit undurchsichtigen Wertpapieren Milliardenvermögen geschaffen und vernichtet werden, Investmentbanker und Vorstände sich gänzlich ungeniert bereichern. "Ganz natürliche zivilisatorische Grenzen" seien verloren gegangen, sagte der Gesellschaftsrechtler Marcus Lutter.

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