Montag, 29. August 2016

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Malik-Kolumne Wirtschaft verstehen heißt Schulden verstehen

Wer die Finanzkrise verstehen möchte, muss verstehen, was Verschuldung bedeutet. Erst durch das richtige Verständnis von Schulden zeigt sich, wie wirksam Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise sein können und worin die Gefährlichkeit dieser Krise liegt. Das tatsächliche Problem sind nicht fallende Aktien- und Immobilienpreise, sondern es ist die Verschuldung.

Inflation, Steuern, Börsenkurse, Währungen und Zinsen bleiben zusammenhangloses Stückwerk, solange man das Phänomen der Schulden nicht in Betracht bezieht. Nur über die Schulden-Dynamik ergibt sich ein ganzes Bild. Im akademischen Theorie-Lager scheint es wenige zu geben, die sich damit auskennen. Auch die meisten Medien berichten lediglich über die Oberflächenerscheinungen der Krise.

Bilanzen: Ausgeglichene Bilanzen sind immer auf beiden Seiten gleich. Die entscheidende Frage ist, ob sie gut sind!
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Bilanzen: Ausgeglichene Bilanzen sind immer auf beiden Seiten gleich. Die entscheidende Frage ist, ob sie gut sind!
Um die Finanzkrise in ihrem Ausmaß und ihrer vollen Gefährlichkeit zu begreifen, benötigt man die polaren Begriffe Schuldner und Gläubiger. Aber in der allgemeinen Diskussion tauchen sie viel zu selten auf. Gebräuchliche Begriffspaare wie Käufer und Verkäufer, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Produzent und Konsument tragen wenig zum Durchblick bei.

Kern des Wirtschaftens ist das über der Gesellschaft liegende unsichtbare Netz aus Schulden und Forderungen, das aus dem Eingehen von vertraglichen Beziehungen resultiert. Jeder Forderung in einer Bilanz entspricht eine Schuld in einer anderen Bilanz und umgekehrt. Wegen der bilanziellen Gleichheit von Schulden und Forderungen schließen viele, es gebe kein Problem, weil sich die beiden Bilanzpositionen rechnerisch gegenseitig ausgleichen. Hier steckt der Irrtum, der dazu führt, dass die systemischen Risiken im Finanzsystem übersehen oder unterschätzt werden - was anscheinend auch den 3000 Revisoren einer Schweizer Großbank passiert ist, weswegen die Topbanker sich überrascht gaben, als die Milliarden faul wurden.

So genannte ausgeglichene Bilanzen sind bedeutungslos, denn Bilanzen sind immer auf beiden Seiten gleich. Die entscheidende Frage ist, ob die Bilanzen gut sind! Wenn Schuldner nicht bezahlen können, sind die Forderungen uneinbringlich. Sie müssen abgeschrieben werden und dies führt zu Verlusten.

Die Totengräber: Shareholder Value und Wertsteigerung

Die bisherige Finanzkrise ist erst der erste heftige Kopfschmerz, den ein "Tumor" verursacht, der tiefer liegt: Es ist der Unfug von Shareholder Value und Wertsteigerung - das groteske Zerrbild von Marktwirtschaft und wirklichem Liberalismus, euphemistisch Neoliberalismus genannt, den keiner der echten liberalen Denker akzeptiert hätte. Nicht der American Way of Life ist das Problem, sondern der American Way of Management, Corporate Governance and Economic Policy, worüber ich in dieser Kolumne mehrfach geschrieben habe.

Ökonomische Legitimierung liefert die Wealth Creation Theory, die ebenso einfach, wie wirtschaftsschädlich ist: Treibe die Preise für Vermögenswerte durch billigen Kredit endlos in die Höhe. Reduziere die Sicherheiten für die Kredite, damit immer mehr Leute ohne Kreditwürdigkeit immer mehr Schulden machen können. Nenne das vornehm "Finanzierung" oder noch vornehmer und verlockender "Wealth Creation".

Mit den billigen Krediten kaufen die Leute was immer ihnen vor die Augen kommt: Noch mehr Aktien und Zertifikate, noch mehr Häuser - und vor allem konsumieren sie. Auf dem Papier werden sie immer reicher, ob sie je die Schulden zurückbezahlen ist egal. Bringe daher die wertlosen Hypotheken an die Börse, gib ihnen schöne Namen, und nenne das ganze "Securitization". Wenn dann die Schuldenlawine zu rutschen beginnt, nenne die faulen Kredite vornehm "Subprimes", was deshalb zulässig ist, weil schließlich alles unter Triple A "subprime" ist.

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