Montag, 10. Dezember 2018

Spanien Absturz des Immobilienmarkts

Sinkende Häuserpreise, insolvente Baufirmen, verunsicherte Banken: Nach jahrelangem Boom ist der spanische Immobilienmarkt eingebrochen. Die Talsohle sei noch längst nicht erreicht, warnen Experten. Der Finanzsektor Spaniens steckt tief im Geschäft drin.

Madrid - Wenn es um die Flaute auf Spaniens Immobilienmarkt ging, sprach die Regierung immer wieder von einer "sanften Landung". Das Nationale Statistik-Institut (INE) legte aber nun Zahlen vor, die vielmehr von einem regelrechten Absturz zeugen. Im Januar wurden im Jahresvergleich 27 Prozent weniger Wohnungen verkauft, vielerorts brach der Markt sogar um mehr als 40 Prozent ein. So etwa auf Mallorca und den übrigen Balearen-Inseln, wo auch viele Deutsche oder Briten Häuser besitzen. Das Minus dort betrug fast 46 Prozent. "Die Talsohle ist aber längst nicht erreicht", warnt der Ökonom und Hochschulprofessor Julio Rodríguez.

Spanien hat zehn Jahre lang einen beispiellosen Immobilien- und Bauboom erlebt. Die Zinsen waren niedrig und lagen zeitweise unterhalb der Inflation. In die eigenen vier Wände zu investieren, galt als sichere Geldanlage, zumal es in dem Land ohnehin keine Mietmentalität gibt - etwa 85 Prozent der Spanier besitzen ihr eigenes Heim. Viele legten sich zusätzlich eine Ferienwohnung an der Küste zu, auch viele Ausländer erfüllten sich ihren Traum vom Platz an der Sonne. Parallel dazu haben sich die Wohnungspreise verdoppelt, vielerorts sogar verdreifacht. So kletterte in Madrid der durchschnittliche Quadratmeterpreis auf mehr als 4000 Euro. Dies lockte viele Investoren an, Immobilien wurden zum Spekulationsobjekt.

Häuserreihe in Spanien: "Abhängigkeit von Ziegelsteinen"
REUTERS
Häuserreihe in Spanien: "Abhängigkeit von Ziegelsteinen"
Jahr für Jahr wurden so mehr Wohnungen gebaut, als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Als die Zinsen aber zu steigen und die Preise zu stagnieren begannen, platzte die Immobilienblase. Die weltweite Finanzmarktkrise macht alles noch schlimmer. Hatten die spanischen Banken und Sparkassen bislang großzügig Kredite für den Wohnungskauf mit Laufzeiten von bis zu 50 Jahren vergeben, drehen sie den Geldhahn nun allmählich zu: Im Januar wurden 28 Prozent weniger Hypothekenkredite bewilligt als noch ein Jahr zuvor.

Die Bauträger rechnen inzwischen für 2008 mit einem Preissturz bei Immobilien von 8 Prozent. Einen vergleichbaren Rückgang hat es in 30 Jahren nicht gegeben. Aber nicht nur das. Dieses Jahr werden Schätzungen zufolge allenfalls 300.000 Wohnungen gebaut, rund eine halbe Million weniger als noch 2006. Im Bausektor, zusammen mit dem privaten Konsum eine der Hauptstützen des spanischen Aufschwungs, drohen somit zwischen 600.000 und eine Million Arbeitsplätze verloren zu gehen. Auch die Immobilienfirmen sind schwer getroffen, denn in den Jahren des Booms haben sie einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Nun mussten einige bereits Zahlungsunfähigkeit anmelden. Frisches Geld von den Banken bekommen auch sie nicht. Landesweit machten zudem tausende Maklerbüros dicht. "Die Fiesta ist aus", schreibt die Zeitung "El País".

Inwieweit die Krise den Finanzsektor treffen wird, ist ungewiss. Immerhin entfallen rund 60 Prozent der von den Banken und Sparkassen vergebenen Kredite auf den Bau- und den Immobilienbereich inklusive Hypotheken. Es geht um mehr als eine Billion Euro. Deutliche Worte fand kürzlich der Präsident der Großsparkasse Caja Madrid, Miguel Blesa: "Wenn man sich anschaut, wie sehr die Bilanzen einiger Geldinstitute von den Ziegelsteinen abhängen, macht das Angst". Der Staat spürt die Auswirkungen jedenfalls schon: Im Februar schrumpfte der Haushaltsüberschuss im Jahresvergleich um rund ein Drittel.

Verunsichert sind nicht zuletzt die Bürger. Angesichts steigender Zinsen und einer Inflation von 4,4 Prozent - der höchste Stand in zwölf Jahren - kommen schon jetzt rund 60 Prozent der Familien mit ihren Einkommen nicht bis zum Monatsende aus.

Von Jörg Vogelsänger, dpa

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