Dienstag, 11. Dezember 2018

Strompreis "Wettbewerb funktioniert nicht"

Die Strompreise in Deutschland könnten um mindestens 20 Prozent niedriger sein, sagt Christian von Hirschhausen. Der Energiewirtschaftsexperte erklärt im Interview mit manager-magazin.de, warum dies nicht der Fall ist und wie leicht Energiekonzerne den Preis in die Höhe treiben können.

mm.de: Herr von Hirschhausen, was ging Ihnen spontan durch den Kopf, als Sie Ihre letzte Stromabrechnung in der Hand hielten?

Christian von Hirschhausen ist Energiewirtschaftsexperte und Professor an der Technischen Universität Dresden
von Hirschhausen: Der Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt funktioniert nicht, jedenfalls nicht so, wie er funktionieren sollte.

mm.de: Warum nicht?

von Hirschhausen: Was die Liberalisierung angeht, hinkt der deutsche Strommarkt im Gegensatz etwa zum britischen oder US-amerikanischen zehn bis 15 Jahre hinterher. Der deutsche Markt leidet an Kinderkrankheiten, die andere Märkte längst hinter sich haben.

mm.de: An Kinderkrankheiten kommt man bekanntlich kaum vorbei. Gilt das nun zwangsläufig auch für einen Strommarkt?

von Hirschhausen: Wenn ein Markt sich von einem monopolistischen zu einem wettbewerblichen wandelt, ergeben sich nahezu unvermeidbar marktbeherrschende Positionen. Das ist einfach so. Im Ergebnis führt das zu Strompreisen im Großhandel, die höher sind als sie unter Wettbewerbsbedingungen wären.

mm.de: Strom in Deutschland könnte also deutlich günstiger sein?

von Hirschhausen: Ja. Im europäischen Vergleich sind die Strompreise in Deutschland zu hoch und der Markt reagiert nicht ausreichend wettbewerblich auf Änderungen der Fundamentals. Das hängt wie gesagt mit der Struktur der Großhandelsmärkte zusammen. Zum anderen erhöht aber auch eine erhebliche Steuerlast, die zwischen dem Großhandel und dem Endkunden entsteht, das Preisniveau.

mm.de: Mangelnder Wettbewerb als ein Argument für zu hohe Strompreise. Ist dies der entscheidende Grund?

von Hirschhausen: Mangelnder Wettbewerb ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Strompreise vergleichsweise hoch sind und vor allem kaum auf veränderte Signale reagieren. In England etwa fallen oder steigen die Strompreise sehr schnell analog zu den Rohstoffpreisen. Sie reagieren auch sehr viel schneller auf Knappheit oder CO2-Preise, also Preise für gehandelte CO2-Emissionsrechte, die den Strompreis ebenfalls beeinflussen. In Deutschland können wir das nicht beobachten. Unsere Schlussfolgerung lautet daher: Der Wettbewerb in Deutschland funktioniert nicht ausreichend.

mm.de: Mit Blick auf die Strompreisbildung ist die Leipziger Strombörse EEX in die Schlagzeilen geraten. An der EEX wird etwa nur ein Fünftel der deutschen Stromkapazität gehandelt. Trotzdem scheinen die dort gebildeten Preise den ganzen Strommarkt stark zu beeinflussen. Wie ist das möglich?

von Hirschhausen: Die Leipziger Strombörse ist der einzige Ort, an dem nachvollziehbare Preise veröffentlicht werden. Schon allein aus dieser Perspektive hat sie Signalwirkung für alle anderen Akteure und ist deshalb jenseits der besagten 20 Prozent von erheblicher Bedeutung für den Rest des Strommarkts. Das heißt, der an der Börse gebildete Strompreis gilt in der Regel auch für die meisten Stromgeschäfte außerhalb dieses Markts.

mm.de: Heißt das, wenn jemand an der Strombörse Preise manipulieren sollte, hätte dies auch Auswirkungen auf den gesamten Markt?

von Hirschhausen: Ja, aufgrund der Bedeutung des Spotmarkts für den Terminmarkt und beider Märkte für den gesamten deutschen Strommarkt ist diese Preisinformation besonders sensibel - auch natürlich für Marktmachtausübung.

mm.de: Die EEX hat den Vorwurf, an der Börse werde der Strompreis von großen Energieversorgern manipuliert, scharf zurückgewiesen. Für wie realistisch halten Sie mögliche Manipulationen?

von Hirschhausen: Die Möglichkeiten sind die gleichen, die sich auf allen hochkonzentrierten Märkten ergeben. Wer ein hohes Maß an Marktmacht besitzt, kann zwei Dinge tun. Erstens: Er bepreist seine Güter höher als dies bei regulärem Wettbewerb möglich wäre. Zweitens: Die andere Strategie besteht darin, den Strom kostengünstig produzierender Kraftwerke an der Börse nicht anzubieten, wodurch teurer produzierende Kraftwerke zugeschaltet werden müssen. Das letzte zugeschaltete Grenzkraftwerk setzt den Preis und treibt ihn damit für den gesamten Markt in die Höhe.

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