Freitag, 14. Dezember 2018

Vermögensverwalter "Korrektes Verhalten ist die Ausnahme"

Daniel Fischer, Wirtschaftsanwalt aus Zürich, sagt im Interview, weshalb das Provisionspraxis-Urteil den Nerv des eidgenössischen Finanzplatzes trifft und warum er deutschen Kunden rät, sich gegen Gebührenschneiderei auf Schweizer Konten zu wehren.

mm.de: Herr Fischer, das höchste Schweizer Gericht hat entschieden. Vermögensverwalter dürfen Provisionen, die sie von Banken oder Fondsgesellschaften kassieren, nicht einbehalten. Sie gehören grundsätzlich dem Kunden. Wissen die Kunden eigentlich von dieser Praxis?

Daniel Fischer ist Wirtschaftsanwalt und Gründer der international ausgerichteten Züricher Advokatur Fischer & Partner. Grenzüberschreitende Rechtsfälle mit besonderer Gewichtung des Verhältnisses Schweiz, Deutschland und Österreich sind ein zentrales Tätigkeitsfeld der 16 Experten zählenden Kanzlei.

Fischer: Nein. Das Problem besteht eben gerade darin, dass die Kunden von dieser Praxis nichts wissen. Das Gerichtsurteil betrifft indes nicht nur Vermögensverwalter, sondern auch die Schweizer Banken, welche Kick-backs von Fondsanbietern von bis zu 3 Prozent kassieren und nicht dem Kunden weitergeben.

mm.de: Wie weit ist diese Praxis verbreitet?

Fischer: Nach einer Studie des Swiss Banking Institute der Universität Zürich leiten 81 Prozent der Vermögensverwalter die auch als Retrozessionen bezeichneten Provisionen, die sie erhalten haben, nicht an ihre Kunden weiter. Diese Praxis ist demnach die Norm. Das korrekte Verhalten ist die Ausnahme. Ich schätze die Quote sogar auf 90 Prozent.

mm.de: Die Spielarten, wie Vermögensverwalter und Banken über ihr vertraglich zugesichertes Honorar hinaus kassieren, sind offenbar vielfältig. Nennen Sie bitte zwei Beispiele.

Fischer: Kauft eine Bank zum Beispiel fremde Fonds- oder strukturierte Produkte ein, erhält sie für den Vertrieb eine sogenannte Soft Commission, die in der Regel nie an den Kunden weitergegeben wird. Darüber hinaus ist es übliche Praxis, dass der Vermögensverwalter für das Zuführen eines Kunden zur Bank und das Auslösen einer Transaktion einmalige oder regelmäßige Gebühren erhält.

mm.de: Wonach richtet sich die Höhe einer Provision?

Fischer: Je exotischer und damit in der Regel riskanter das Produkt ist, desto höher sind die Retrozessionen. Dabei honorieren die Banken den Vertrieb von Produkten oder das Auslösen von Transaktionen unterschiedlich. In der Regel zahlt eine Bank 50 Prozent der Transaktionsgebühren an den Vermögensverwalter aus. Vielfach richtet sich die Höhe der Zahlung aber nach der Bedeutung des Vermögensverwalters für die Depotbank. So kann die Zahlung mitunter bei 30 Prozent oder sogar bei 60 Prozent der Gebühren liegen.

mm.de: Mit Blick auf die Provisionspraxis in der Schweiz ist in den Medien öfter auch von Schmiergeldern die Rede. Was hat es damit auf sich?

Fischer: In der Presse wird mitunter der Eindruck erweckt, dass im Schweizer Finanzgewerbe schrecklich kriminelle Menschen tätig sind. Da sollte man vorsichtig sein. In einem sehr weiten Sinne und aus einem bösartigen Blickwinkel heraus kann man Provisionen vielleicht als Schmiergelder interpretieren. Fakt ist, viele Vermögensverwalter suchen sich jene Bank aus, bei der sie am meisten kassieren. Ein ganz wichtiger Punkt wird in der Diskussion aber immer wieder ausgeblendet: Die Verwaltungs- und Depotgebühren hierzulande sind deutlich niedriger als im Ausland, eben weil in der Schweiz Retrozessionen gezahlt werden.

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