Freitag, 22. Februar 2019

Wall Street Nyse mischt sich in Börsenpoker ein

Nach dem Einstieg der Nasdaq bei der London Stock Exchange (LSE), mischt jetzt auch die New Yorker Börse (Nyse) in dem europäischen Börsenpoker mit. "Wir führen Gespräche mit bestimmen Beteiligten", teilte die Nyse mit. Beobachter schließen ein Gebot des weltgrößten Handelsplatzes für eine europäische Börse jetzt nicht mehr aus.

Hamburg - In den vergangenen Wochen ist es ruhig geworden um die weltgrößte Börse, die New York Stock Exchange (Nyse) - verdächtig ruhig. Während auf dem alten Kontinent die Spekulationen über mögliche Börsenfusionen hoch kochten, war von Nyse-Chef John Thain zu diesem Thema nichts zu vernehmen. Warum auch? Ende März hatte sein schärfster Widersacher im eigenen Land, Nasdaq-Chef Bob Greifeld, das Gebot für die Londoner Börse (LSE) Börsen-Chart zeigen zurückgezogen, die es zuvor als feindlich und ohnehin zu niedrig abgelehnt hatte.

New York Stock Exchange: John Thain, Chef der New Yorker Börse (Nyse) läuft an der weltgrößten Börse vorbei. Die Nyse befindet sich Thains Aussagen zufolge in Gesprächen mit anderen Handelsplätzen über eine Partnerschaft oder eine Fusion
Zunächst schien es so, als ob die 213 Jahre alte Nyse, die die noch vergleichsweise junge, mit dem Internetboom aufstrebende und durch dessen Niedergang lange Zeit ums Überleben kämpfende Nasdaq Börsen-Chart zeigen eher mit Missachtung straft, sich bei ihren eigenen Expansionsbestrebungen nun wieder alle Zeit der Welt lassen könne. Mit dem dann nur zwei Wochen später überraschenden Einstieg der US-Technologiebörse als größter LSE-Aktionär hat sich aber auch für die Nyse die Situation schlagartig geändert.

Denn der Vorstoß von Nasdaq-Chef Bob Greifeld gilt zugleich als eine Kampfansage an die New York Stock Exchange. Zwar hat die Nyse im Gegensatz zu anderen Akteuren noch kein Gebot für irgendeine Börse in Europa abgegeben. Wie sehr sich aber die weltgrößte Börse jetzt unter Zugzwang sieht, macht ihr Schreiben an die US-Börsenaufsicht SEC vom Karfreitag deutlich.

"Wir führen derzeit Gespräche mit bestimmen Beteiligten", teilte die Nyse mit. Definitive Konditionen seien weder diskutiert, noch Vereinbarungen getroffen worden, heißt es in dem Schreiben nach Agenturberichten. Man müsse angesichts der jüngsten Entwicklung aber unter Umständen rasch und energisch reagieren. Deshalb könnten strategische Transaktionen "jederzeit" erfolgen und gemessen an den eigenen Vermögenswerten und Operationen "erheblich sein", so die Nyse.

Nyse: Londoner Börse gilt als logischer Partner

Zwar hatte John Thain spätestens seit dem Nyse-IPO Anfang März kein Geheimnis mehr aus seinen Ambitionen gemacht, bei der Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft mitzuspielen. Analysten hielten in Gesprächen mit manager-magazin.de ein konkretes Übernahmeangebot für eine Börse aber eher für unwahrscheinlich, weil die Nyse in naher Zukunft noch zu sehr mit der Integration der erst jüngst übernommenen Chicagoer Computerbörse Archipelago beschäftigt sein werde.

Die London Stock Exchange galt und gilt bislang als logischer Partner der Nyse. Dieser Weg ist der Nyse durch Bob Greifelds Coup jetzt zwar nicht gänzlich versperrt, er dürfte aber deutlich steiniger werden und sich auch erheblich kostspieliger gestalten als noch vor dem Einstieg der Nasdaq. Denn jene 11,75 britische Pfund, die die US-Technologiebörse für jede LSE-Aktie gezahlt hat und damit die Londoner Börse auf eine stolze Bewertung von rund 3,1 Milliarden Pfund bringt, müsste John Thain allemal locker machen.

Erschwerend kommt für die Nyse hinzu, dass die Nasdaq ihren Einfluss auf die LSE in den kommenden Wochen durch weitere Aktienkäufe erhöhen kann, was Börsenexperten ebenso wenig ausschließen wie einen Bieterwettkampf der beiden US-amerikanischen Kontrahenten um die Londoner Börse. Schließlich gilt die Nyse mit ihrer praktisch schuldenfreien Bilanz finanziell besser aufgestellt als die Nasdaq.

"Früher oder später wird die Nyse angreifen", zeigte sich erst vor wenigen Tagen ein Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de überzeugt. Dass die Nyse in einem wilden Bietergefecht nun jeden Preis für die LSE bezahlen wird, darauf sollte man sich in Frankfurt und Paris allerdings nicht verlassen. Denn in dem immer wichtiger werdenden Markt für Derivate haben die Vierländerbörse Euronext Börsen-Chart zeigen und die Deutsche Börse Börsen-Chart zeigen mit ihren Terminbörsen Liffe (Euronext) und Eurex (zur Hälfte im Besitz der Deutschen Börse) deutlich mehr zu bieten als die London Stock Exchange.

Wie Nyse-Chef Thain nun reagieren wird, gilt daher unter Beobachtern als völlig offen. Zwar halten viele Analysten gerade unter dem jüngsten Eindruck des Nasdaq-Einstiegs bei der LSE eine Fusion von Euronext und Deutscher Börse jetzt für noch wahrscheinlicher. Und auch die nicht zu unterschätzende Machtposition der Hedgefonds, die an beiden Börsen mittlerweile nennenswerte Anteile halten und deren Zusammenschluss klar befürworten, sprechen für die Kombination Paris/Frankfurt.

Doch spätestens wenn so ein gewichtiger Player wie die New York Stock Exchange mit einem ersten Angebot für eine europäische Börse aufwarten sollte, dürften sich diese Einschätzungen schnell relativieren. Hatte Thain im Herbst vergangenen Jahres im Zusammenhang mit den Fusionsspekulationen um LSE, Euronext und Deutscher Börse doch erklärt. "Einer wird übrig bleiben, und der könnte ein interessanter Partner für uns sein."

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