Freitag, 14. Dezember 2018

Dax-Geflüster Greenspans explosives Erbe

Nach fast zwei Jahrzehnten hat Alan Greenspan sein Amt als Chef der US-Notenbank abgegeben. Zum Abschied überschlägt sich die Finanzwelt mit Lob und Ehrerbietung – und übersieht dabei bisweilen die Gegenwart. Seinem Nachfolger hinterlässt Greenspan eine Zeitbombe, deren Sprengkraft bis nach Deutschland reicht.

Abschiede sind traditionell Anlass für freundliche Worte, lobende Bilanzen und wohlgemeinte Wünsche. Das gilt beim Ausstand jedes Angestellten - und ist beim wohl mächtigsten Mann der Weltfinanz nicht anders. Nach achtzehneinhalb Jahren übergibt Alan Greenspan sein Amt als Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) an den Ökonomieprofessor Bernard Bernanke. Das Ende einer Ära.

"Maestro" Greenspan und sein Nachfolger Bernanke: Die Politik niedriger Zinsen hat einen gewaltigen Schuldenberg hinterlassen
Verklärt blickt die Finanzszene nun zurück auf die Amtszeit des "Magiers der Märkte" und schwärmt vom "Finanzguru" oder "Maestro". Von einem mittlerweile 79-Jährigen, der in seiner Amtszeit "fast alles richtig gemacht" hat. Gerne erinnert man sich an Greenspans schrulligen Humor und seine kryptischen Formulierungen, die längst als "Greenspeak" Kultstatus erreicht haben. Als legendär gilt seine Unabhängigkeit von politischen Einflüssen, derentwegen ihn George Bush Senior bis heute für seine Wahlniederlage 1992 verantwortlich macht.

Unbestritten: Fast zwei Jahrzehnte lang lenkte Greenspan die Geschicke der Fed mit bestechender Souveränität. In seiner Amtszeit erlebten die Vereinigten Staaten die längste Aufschwungphase ihrer Geschichte - bei gleichzeitig niedriger Inflation. Auch nach dem Platzen der Börsenblase Anfang des neuen Jahrtausends brachte Greenspan die US-Wirtschaft rasch zurück auf Wachstumskurs.

Doch den Preis für diese Erfolgsstory muss die Welt womöglich erst noch bezahlen.

Abschiedsreden haben meist einen Schönheitsfehler: Sie blicken zurück, verteilen Lob für Vergangenes. Für die Zukunft haben sie nicht mehr als Glückwünsche übrig. Greenspans Nachfolger Bernanke wird in den kommenden Jahren jedoch mehr brauchen als Glück. Denn der "Maestro" hinterlässt ihm eine tickende Zeitbombe.

Nie befand sich die US-Wirtschaft in einem derart dramatischen Ungleichgewicht wie heute. In den vergangenen drei Jahren wuchs das Haushaltsdefizit auf Rekordstände - 2004 waren es fast 413 Milliarden Dollar. Das Handelsbilanzdefizit beläuft sich mittlerweile auf 6 Prozent des Inlandsprodukts - während Deutschland in der Handelsbilanz einen kräftigen Überschuss ausweist. Und die Sparquote der Amerikaner ist im Dezember auf minus 0,7 Prozent gesunken.

Staat und Verbraucher geben viel mehr Geld aus, als sie einnehmen. Laut US-Presseberichten haben allein die Kreditkartennutzer in den vergangenen zehn Jahren einen Schuldenberg von mehr als 850 Milliarden Dollar angehäuft.

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